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Mordsgeschichte: Leas Morgen-Kaffee – Sandra Rutschi

24.05.2011 | von: Emmental | Tags: Emmental News, Mordsgeschichten | 0

Guten Morgen.
Man hat mir gesagt, wenn ich mit Ihnen spreche, darf ich endlich nach Hause. Stimmt das?
Natürlich. Auch von Ihnen kriege ich nur eine schwammige Antwort. Oh Mann, lasst mich doch alle in Ruhe.
Sie wollen also mit mir sprechen, bevor Sie mir sagen können, ob ich nach Hause darf. Nun gut, lassen Sie uns reden. Glauben Sie aber bloss nicht, ich hätte das nötig. Nicht dass Sie mich falsch verstehen. Ich habe nichts gegen Sie, ich kenne Sie ja überhaupt nicht, und Ihren Job, nun, den werden Sie sicher gut und recht ausüben. Sonst wären Sie wohl kaum von denen geholt worden. Mit irgendetwas muss man ja Geld verdienen, ist mir schon klar.

Nein, ich habe nichts gegen Psychotherapeuten, oder wie sagen Sie, Seelsorger?
Aha. Nie gehört von so was. Schon gut. Hören Sie, das ist ja schon okay, was Sie da machen. Aber ich weiss nicht, weshalb man ausgerechnet mich hier noch festhält. Weshalb man sich solche Sorgen um mich macht. Natürlich, all das ist tragisch, und ja, sie war eine meiner Freundinnen, aber ich will wirklich einfach nur noch nach Hause jetzt. Das Ganze ist verdammt anstrengend für mich. Ich will einfach nur schlafen und so. Okay, lassen Sie uns reden, damit alle schön zufrieden sind. Sie machen ja auch nur Ihren Job, nicht wahr. Doch, doch, der Ort hier ist schon der beste, um hier am Töfftreff zu reden. Hier im Ticketwagen ist um diese Zeit noch nichts los. Die wenigen, die hier vorbeiziehen, sind unterwegs ins grosse Zelt zum Katerfrühstück. Lecker übrigens, sollten Sie auch probieren, wenn Sie dazu kommen. Nun gut. Jedenfalls werden uns die Leute hier nicht stören. Frühmorgens nach einer solchen Nacht sind selbst die wildesten Biker handzahm.

Der Sanitäterwagen? Nein, das ist keine gute Idee, auch wenn dort mehr Platz wäre. Um diese Zeit kommen dort zwar keine Raufbolde mit gebrochenem Nasenbein mehr rein. Aber solche, die ein Mittel gegen das Kotzen oder die Kopfschmerzen brauchen. Oder Alkoholleichen halt. Aber solche, die wieder aufwachen. Nicht so wie Melanie. Sagen Sie, möchten Sie Kaffee? Lukas hat extra eine Kanne bereitgestellt, vorhin, als er die Decken brachte. Nun, ich nehme eine Tasse, wenn es Sie nicht stört. Ich habe wenig geschlafen, wie Sie sich denken können. Getrunken habe ich auch, weniger als andere, weil ich ja hinter der Bar arbeitete. Aber für einen anständigen Suff hat es doch noch gereicht. Mir brummt der Schädel. Trotzdem werde ich seit gut zwei Stunden von allen möglichen Leuten befragt. Tsss… Zumindest tragen Sie keine Uniform und so.

Na gut, was wollen Sie wissen?
Sommer Lea, im April bin ich 18-jährig geworden. Ich wohne in der Kurzenei.
Ha, Sie kennen sich nicht besonders gut aus hier, was? Sicher so ein Stadttussi, was? Hihi. Na egal.
Sie müssen jetzt nicht gleich eingeschnappt sein, hey. Das ist im Wasen, wenn Sie von hier aus noch fünf Kilometer weiter in den Chrachen hineinfahren. Dann beginnt das Kaff. Richtung Lüderen, dort liegt die Kurzenei.
Ganz hinten im Graben, lange nachdem das Kaff bereits aufgehört hat und die Strasse schon fast zu Ende ist, dort ist die Chüejermatt. Sonnseitig auf einer Lichtung am Hang, umgeben von nichts als Wald. Dort wohne ich. Abgelegen, ja. Einsam manchmal. Aber es ist schön dort. Man hat seine Ruhe. Nachts gurgelt der Bach, tagsüber zwitschern die Vögel, im Sommer rattern die Landmaschinen. Frische Luft überall.

Das ist schon wichtig, natürlich. Seit ich 13 bin, habe ich deshalb ein Töffli. Damit bin ich zur Schule, in die Mädchenriege, an Feste, zu Freunden gefahren. Mittlerweile habe ich ein Auto. Einen schwarzen VW-Golf, ich wollte immer so einen, die sind voll geil. Die Prüfung habe ich drei Wochen nach meinem 18. Geburtstag gemacht. Wenn man in der Chüejermatt wohnt, lernt man möglichst schnell Auto fahren, glauben Sie mir.

Drei Bauernhäuser und ein Stöckli stehen in der Chüejermatt beieinander. Im grössten wohnen mein Onkel und seine Familie. Im mittleren mein Vater, mein Bruder und ich. Meine Grosseltern wohnen im Stöckli. Im dritten Bauernhaus, das eigentlich gar keines mehr ist, wohnen Grossenbachers. Die arbeiten beide bei Swiss Tools, der Schraubenzieherfabrik. Sie in der Verpackungsabteilung, er in der Spedition. Die Kinder gehen noch zur Schule, nur Melanie ist – beziehungsweise war – schon in der Lehre. Mein Vater hat sich auf Milchwirtschaft spezialisiert, mein Onkel ist zuständig für den Ackerbau und so. Die beiden haben vor einigen Jahren ihre Betriebe zusammengelegt. Eh ja, sonst hätte das Bauern nicht mehr rentiert. Hm. Doch, schon auch. Ich mag es zum Beispiel, im Sommer heuen zu gehen. Zuerst die holprige Fahrt hinten auf dem Wagen, dann der würzige Heuduft überall, der süsse Tee der Grossmutter, abends die Müdigkeit, wunderbar. An unseren steilen Hängen müssen wir das Heu noch selber einsammeln, mit der Gabel und so. Das ist noch richtige Arbeit, nicht so Kopfzeugs. Das strafft die Oberarme, hält fit. Und schön braun wird man auch noch dabei. Sonst interessiert mich die Landwirtschaft aber nicht besonders. Da stinkt man immer so. Mein Vater versteht das, er sagt, ich habe das von Mutter. Und schliesslich habe ich nun selber meinen Beruf. Die Lehre ist im Fall ganz schön heavy, Mann.
Floristin, hier in Sumiswald. Im zweiten Lehrjahr, bald. Zuvor habe ich noch ein Zwischenjahr gemacht, in Burgdorf. Eine Art Haushaltungsschule, zwei Tage pro Woche Schulbank, drei im Praktikum bei einer Familie in Biglen.

Das geht dich einen Scheissdreck an!

Okayokay, Mann, nicht gleich ausrasten, easy, hey.
Ja doch. Locker. Sie müssen nicht gleich auf Moralapostel machen und so.
Pffff.
Okay, fragen Sie nochmals.
Nein, meine Mutter wohnt nicht mehr bei uns.
Hm. Muss das sein?
Okayokay. Sie hat meinen Vater vor gut zwei Jahren verlassen. Tja, auch das gibt es, hier hinten bei uns, im Emmental.
Bitter, ja. Aber glauben Sie mir, es ist besser so. Meine Mutter fühlte sich nie wirklich wohl auf dem Hof und so. Sie ist keine Bäuerin, und das hat sie meinem Vater auch immer klar gemacht. Und der hat das auch wirklich geschnallt, glaub ich. Jedenfalls arbeitete sie immer als Grafikerin, so lange ich denken kann, und ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie irgendwann den Stall betreten hätte. Das sei meines Vaters Bier, pflegte sie zu sagen. Wäre es nach ihr gegangen, hätte man das Brot in der Bäckerei gekauft. Grossmutter hat jedoch darauf bestanden, dass sie weiterhin eigenes Brot backen darf, wenn schon die junge Bäuerin kein Interesse daran habe. Dass meine Mutter nur noch sechs Gartenbeete bepflanzte, gab Grossmutter immer viel zu reden. „Schau mal“, sagte sie früher zu mir, wenn wir gemeinsam auf der Bank vor dem Stöckli sassen und Bohnen rüsteten, „schau mal diese grosse Rasenfläche, dort hat das Grosi jeweils noch zwölf weitere Beete bepflanzt. Jaja. Und so viel Unkraut, wie jetzt deine Mutter wachsen lässt, hätte es zu meiner Zeit nie gegeben. Für den Winter mussten wir jeweils schauen, dass wir genügend Eingemachtes hatten. Keine einzige Beere hätten wir am Strauch verfaulen lassen.“ Aber die Ruth, die gehe ja lieber nächtelang auf die Moosegg Theater spielen, ausgerechnet im Sommer, wenn es doch so viel zu tun gäbe auf dem Hof. Immerimmer müsse es eine Hauptrolle sein, damit sie möglichst tagsüber noch üben müsse, wenn sie denn für einmal nicht arbeiten gehe und wie eine richtige Frau zu Hause bleibe. Wir armen Kinder, was würden wir bloss ohne sie, die Grossmutter, machen, wenn die Mutter ja nie da sei. Da hätten es ihre beiden Söhne und das Anneli selig schon besser gehabt bei ihr. Jaja. Und früher, da sei noch kein solcher Tumbler in der Waschküche gestanden. Immer habe sie, die Grossmutter, die Wäsche nach draussen getragen und aufgehängt. Im Winter oben in der Laube, geschützt durchs Dach, im Sommer draussen zwischen den Bäumen. Aber die Ruth, die wäre ja nicht hierher gekommen, wenn es keinen Tumbler und keine neue Küche gegeben hätte. Und der Res, der habe halt immer nach Ruths Pfeife getanzt. Der sei halt schon immer viel zu gutmütig gewesen. Dann seufzte Grossmutter jeweils tief. „Jaja, die Zeiten ändern sich. Ohne mich und Grossätti könnte dein Vater die ganze Arbeit mit den Tieren unmöglich bewältigen. Wie es wohl weitergehen wird, wenn wir beide einmal nicht mehr sind?“ Und dann schwieg sie eine Weile.
Ja was soll ich denn schon dabei gedacht haben? Sie hatte ja schon Recht, die Grossmutter, irgendwie.
Sie hatten ständig Zoff und so.
Nein, nicht Vater und Mutter. Mutter und Grossmutter.
Wegen allem.
Einmal ging es zum Beispiel darum, wie häufig die Geranien in der Woche gegossen werden sollten. Ein andermal konnten sie sich nicht darüber einigen, ob mein Bruder Eishockey spielen dürfe oder nicht. Oder meine Mutter weigerte sich schlichtweg, als Ehrendame am Jodlerfest die Tracht meiner Grossmutter anzuziehen.
Das ging so: Nach einem voll krassen Gekeife schwiegen sich Mutter und Grossmutter jeweils tage-, ja wochenlang an und so. Mutter ging Grossmutter aus dem Weg, Grossmutter achtete besonders genau darauf, was meine Mutter tat und sein liess. Tagelang schlich mein Vater in diesen Zeiten mit eingezogenem Kopf über den Hof. Blieb abends lange im Stall, half seinem Bruder tagsüber auf den Feldern und liess sich kaum noch zu Hause blicken. Nachts hörte ich Mutter weinen, Vater sanft sprechen. Mittags, wenn Mutter am Arbeiten war und Grossmutter für uns kochte, hörte sich Vater Grossmutters Klagen an. Erwiderte er etwas, begann ihre Stimme zu zittern, die ganze Grossmutter schlotterte, bebte unter Schluchzern. Also schwieg Vater und trank noch ein Bier. Eh ja, bei dem ganzen Scheiss, ist doch klar.

In mir? Was soll das schon in mir ausgelöst haben? Weiss ich doch nicht. Ist schon Scheisse, aber was will man da machen? Ich war dann halt häufiger nachmittags bei einer Freundin, meistens bei Fabienne, wenn zu Hause Zoff war. Aber hören Sie, wollten Sie nicht eigentlich mit mir über Melanie sprechen und so?
Weshalb interessiert Sie meine Familie?
Welche Störung?
Na, jetzt hör mal auf! Es ist doch wohl normal, dass man unter solchen Umständen mal die Nerven verliert! Ich habe mich ja entschuldigt.
Ich wollte doch nicht mit den verdammten Gläsern schmeissen! Und es ist auch niemandem etwas passiert! Jetzt macht doch nicht alle einen auf Panik, Mann! Es tut mir Leid, okay!?! Wie oft muss ich das eigentlich noch sagen?!? Entschuldigung, ich wollte Sie nicht anschreien.
Ha! Helfen. Na gut, dann helfen Sie mir halt. Mein Problem ist aber, dass Melanie tot ist. Dass sie heute Morgen einfach nicht mehr aufstand, okay. Dass ich gestern nicht genügend auf sie aufgepasst habe, dass alles schief gelaufen ist. Und dass dieser Scheissmörder jetzt wohl auch noch davonkommt und so. Nicht, dass meine Mutter meinen Vater verlassen hat. Das ist doch längst vorbei.
Na, verhaftet haben sie diesen Typen jedenfalls noch nicht. Dabei hat der Melanie gekillt.
Ich weiss es eben, okay?! Wieso glaubt mir eigentlich nie jemand?!
Pfff. Gut, dann geben Sie die Themen vor. Melanie später. Wie Sie wollen. Pha!

Sie ging vor gut zwei Jahren weg.
Es war im Frühsommer. Ich hatte erstmals in diesem Jahr beschlossen, mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren und hing an diesem Nachmittag noch eine Weile im Dorfzentrum rum und so. Wahrscheinlich quatschte ich noch mit Fabienne, das weiss ich nicht mehr so genau, aber ich quatschte damals meistens nach der Schule noch mit Fabienne. Als ich heimkam, sass Mutter mit roten Augen am Küchentisch, neben sich die gepackten Koffern. Vater war noch auf dem Feld. „Ich halte das nicht mehr aus, Lea“, sagte sie zu mir. Sie müsse weg. „Wir haben uns wieder gestritten. Jetzt wirft sie mir nicht einmal mehr nur vor, untreu zu sein, nein, als Hure hat sie mich heute Morgen bezeichnet. Ich kann nicht mehr. Und vielleicht schafft es Papa dann auch endlich, weniger Bier zu trinken.“ Vielleicht komme sie wieder, sagte Mutter, doch sie werde sicher mindestens einen Monat wegbleiben. „Lea, wir sehen uns bestimmt bald wieder. Ich rufe dich an.“ Sie wollte mich in den Arm nehmen. Eigentlich nett. Aber ich rannte weg.

Ich brauche eine Zigarette, Mann. Stört es Sie, wenn ich rauche? Wo hab ich denn – danke.

Ich weiss nicht mehr, wie ich mich damals fühlte. Ist auch lange her. Traurig wohl, vielleicht. Wütend bestimmt, weil sie einfach so abhaute. Nicht nur meine Grossmutter sprach davon, dass sie mit anderen Männern ins Bett stieg. Im Dorf würde man künftig nicht nur über sie, sondern auch über mich lästern, die Tochter von der, die ihrem Mann davongelaufen ist. Ja, natürlich war ich sauer, weil sie so feige war. Weil sie einfach abhaute.
Vater leerte an diesem Abend fast zwei Flaschen Wodka. Am nächsten Tag schrie er Grossmutter an. Die zitterte und bebte und sagte, sie habe es doch schon immer gewusst. Vater sprach lange nicht mehr mit Grossmutter. Dafür telefonierte er fast jeden zweiten Tag mit Mutter. Ging für drei Wochen in eine Kur irgendwo bei Bern. Seither rührt er keinen Alk mehr an. Doch trotzdem holte Mutter nach drei Monaten auch noch ihre restlichen Sachen ab. Sie hatte eine Wohnung in Bern gemietet. An diesem Tag ging ich nicht nach Hause, ich wollte sie nicht sehen und so. Stattdessen sass ich oben am Waldrand und beobachtete, wie Mutter gemeinsam mit ihrer Schwester den Computer und die Bücher aus dem Bauernhaus schleppte. Wie mein Vater mithalf, den grossen Schrank die Treppe hinunterzuhieven.
Mutter trug neu ganz kurzes Haar und eine riesige Sonnenbrille und so. Minutenlang hielten sich meine Eltern umarmt, bevor sie schliesslich wegfuhr. Mhm, ja. Ich sprach fast ein Jahr lang nicht mit meiner Mutter.
Ja, schon. Sie kam zu meinem Schulabschlusstheater. Aber ich ging ihr aus dem Weg. Sie schrieb mir regelmässig SMS, versuchte ständig, mich anzurufen und so. Voll mühsam, fand ich damals. Ich antwortete nie, nahm nie den Hörer ab. War mir doch egal, was aus ihr würde, sie hatte uns schliesslich verlassen, voll feige, fand ich damals. Remo, mein älterer Bruder, sah das anders. Er verteidigte Mutter, behauptete sogar, es sei mutig gewesen von ihr, wegzugehen.
Irgendwann nahm ich den Hörer ab, als sie mich anrief. Ich weiss doch auch nicht mehr, warum, ich muss doch nicht alles wissen, Mann.
Irgendwann trafen wir uns in Burgdorf, an einem verschneiten Freitag nach der Schule. Ich weiss noch, wie ich ihren orangenen Mantel bereits von weitem am Bahnhof leuchten sah. Sie sah schon toll aus. Seither sehen wir uns regelmässig, etwa alle zwei bis drei Wochen.

Hmmm. Schwer zu sagen. Heute weiss ich jedenfalls, dass Mutter weggehen musste. Sollen die im Dorf doch reden, was sie wollen, mir egal.
Na super, ich gratuliere Ihnen. Als ob ich heute nicht schon genug geweint hätte. Scheisse.
Nein Mann, ich weiss nicht, weshalb ich jetzt weine, muss ich denn alles wissen!?! Lass mich endlich in Ruhe!
Entschuldigung. Es ist nur … schwierig. Haben Sie nochmals Feuer? Danke.
Mein Vater hat eine Freundin, ja. Sie wohnt seit etwa einem Monat bei uns. Sie ist zwar in Ordnung, aber etwas bieder. Grossmutter findet, sie sei zu dünn, aber immerhin eine Bauerntochter.
Mutter wohnt immer noch alleine. Ich glaube nicht, dass sie seit der Trennung von meinem Vater wieder mit einem Typen zusammen war. Wenn sie von einem Mann spricht, dann von Stefan, ihrem Arbeitskollegen. Aber der ist voll schwul.
Hey, was soll denn diese Frage jetzt schon wieder? Okayokay. Nein, ich habe keinen Freund.
Bitte?!?
Gehts noch?!?!
Schon gut, easy Mann. Nein, ich bin keine Jungfrau mehr. Oh Mann. Mit 15.
Nein, wir waren nicht zusammen. Wir verstanden uns einfach gut und wollten es hinter uns bringen. Möchten Sie vielleicht noch ein paar Details wissen? Wer oben und wer unten war oder so?

Eh ja … könnte ja sein, oder … Na, Sie stellen ja auch nur seltsame Fragen.
Verliebt? Hm … klar. Ständig.
In irgendjemanden halt.
Nein, noch nie wirklich etwas Ernsthaftes. Aber ich habe bis jetzt noch immer irgendeinen Typen gekriegt, wenn ich einen wollte. Bitte schön, ich bin 18, Mann, muss ich etwa bereits eine Familie gründen? Wo leben Sie denn? Ich will einfach meinen Spass und so. Fertig.

Ausziehen kommt nicht in Frage, so lange ich meine Lehre nicht abgeschlossen habe. Vorher kann ich mir keine eigene Wohnung leisten. Und meine Eltern haben beide selber genug Probleme und so.
Nach der Lehre möchte ich noch eine Weile im Betrieb in Sumiswald arbeiten. Vielleicht kann ich dann zu Hause ausziehen. Vielleicht nach Sumiswald oder Lützelflüh oder so, sicher nicht allzu weit weg. Ich mag das Emmental, die Leute hier. Man kennt sich hier, kümmert sich umeinander. In der Stadt könnte ich nicht leben, dort ist es viel zu laut und zu gefährlich und so. Die Menschen leben aneinander vorbei, dort.
Nein, ich bin nicht mehr im Turnverein. Das habe ich nach der Schule aufgegeben. Keine Zeit mehr. Obschon ich gut war, müssen Sie wissen. Die Schnellste im 80 Meter-Lauf, und zwar fast immer! Mhm … hmm … nur manchmal, da war Lara schneller.
Eine Schulfreundin. Nicht so wichtig.

Meine Hobbys? Tanzen und Freunde treffen und so. Jeweils am Wochenende. Meistens in Langnau in der Kupferschmiede oder so. Die Woche hindurch treffen wir uns manchmal in der Sonne, einer Beiz bei uns im Dorf. Das und die Lehre füllen mich total aus.
Sie meinen wegen heute, weil ich … nein, während der Woche trinke ich eigentlich nicht, nein. Die Jungs sind da schon krasser. Aber ich will das einfach nicht, wegen der Schule und der Arbeit und so. Am Wochenende gehört der Alk aber schon dazu, klar. Ist ja auch nicht lustig ohne.
Nein, normalerweise arbeite ich nicht hinter Bars. Aber Remo, mein Bruder, ist beim Motorradclub, der dieses Treffen hier organisiert. Sie suchten noch Leute, die in der Oldies-Bar mithelfen. Also sagte ich zu. Ist ja auch mal was anderes, sagte ich mir. Ist doch cool, mal was anderes zu machen und so.
Eine meiner Schichten war am Freitag, eine gestern von 22 bis 2 Uhr.
Ja, es war geil, hinter der Bar mitzuhelfen. Wissen Sie, Biker sind manchmal etwas schräge Typen. Manchmal war ich ganz froh, eine Theke dazwischen zu haben und so. Hihi … Aber eigentlich haben sie meistens einen weichen Kern … Schauen Sie Lukas zum Beispiel, der vorhin Kaffee und Decken gebracht hat. Mit seinem Vollbart, den langen Haaren und in seiner Lederkluft könnte der doch glatt als Kinderschreck durchgehen. Ein stechender Blick reicht, und wer ihn nicht kennt, sucht lieber das Weite. Hihi … Aber wenn Sie ihn erst einmal lachen hören – der kichert wie ein zwölfjähriges Mädchen! Und ist so witzig. Nichts bringt den aus der Ruhe, es gibt kaum einen gutmütigeren Typen im ganzen Dorf hier. Ich meine, wer wäre sonst überhaupt auf die Idee gekommen, uns Kaffee zu bringen, hm?
Dieser andere, wie heisst er noch gleich, Karl, der heute früh mit Melanie zum Sanitäterwagen kam – der ist ein Mistkerl, das kann ich Ihnen sagen. Wegsperren sollte man diesen Typen. Für immer. Jawohl. Aber auf mich hört ja niemand. Nicht besonders gut. Der ist ein Auswärtiger, irgendwo aus der Innerschweiz, dem Dialekt nach. Ich habe ihn vor zwei Jahren am Töfftreff kennen gelernt. Ich bin sicher, der ist schuld an Melanies Tod. Dabei sollte er doch … ähh … sind Sie sicher, dass Sie keinen Kaffee wollen? Ich nehme noch eine Tasse.
Es sollte ein toller Abend für Melanie werden, wollte ich sagen. Weil sie ja vorgestern Geburtstag hatte. 17. Melanie und ich kennen uns seit dem Sandkastenalter. Wenn man in der Chüejermatt wohnt, gibt es nicht besonders viele Kinder in der Nähe. Die Grossenbachers haben – beziehungsweise hatten – drei: Melanie, Kathrin und Thomas. Häufig haben wir zusammen gespielt, alle fünf. In der Schule hatten Melanie und ich aber nicht besonders viel miteinander zu tun.
Nun … sie hatte seltsame Freunde, mochte meine nicht besonders. Sie machte Musik, ich turnte. Wir lebten in verschiedenen Welten, konnten nicht viel miteinander anfangen, waren uns aber trotzdem irgendwie nahe. Wenn man sich im Sandkasten verstanden hat, bleibt man immer auf irgendeine Art verbunden, denk ich. Ist ja irgendwie noch schön.
Seit ich Auto fahren kann, nehme ich sie und ihre Freunde ab und zu mit in den Ausgang. Eh ja, die kommen sonst ja nirgends hin hier. Meine Freunde können alle selber Auto fahren. Wissen Sie, man schaut eben noch zueinander, hier bei uns im Emmental. Mir ist ja schon klar, dass Sie das schräg finden.
Eh ja, Sie kommen ja aus der Stadt, oder.

Aha.
Nein, keine Ahnung wo das ist.

Die Trennung meiner Eltern hat Melanie voll mitbekommen, ja. In den ersten Wochen ging ich häufig zu Grossenbachers Mittag essen, weil Vater nicht wollte, dass ich zu Grossmutter ging. Selber kochen konnte er auch nicht immer, weil er mit allen anderen auf dem Feld war und so. Und dann war er ja auch eine Weile in dieser Klinik.
Warum nicht zu …? Nun, die Kinder meines Onkels sind gut zehn Jahre älter als ich und leben schon lange nicht mehr in der Chüejermatt. Remo war damals bereits in der Lehre in Langnau und kam über den Mittag nicht nach Hause. Blieben noch Grossenbachers und ich. Und Grossenbachers sagten, es mache ihnen nichts aus, für eine Person mehr zu kochen.
Weshalb hätte ich mit Melanie über die Trennung sprechen sollen? Sie hätte auch nichts daran ändern können. Fabienne und ich, wir haben ab und zu darüber gesprochen. Aber nach dem Schulabschluss ging Fabienne für ein Jahr nach La Neuveville. Heute haben wir kaum noch Kontakt, sie hat sich irgendwie extrem verändert, seit sie diesen Luc kennen gelernt hat, ihren Freund. Seinetwegen will sie jetzt auch im Welschen bleiben und so.
Irgendwie schade, ja. Aber soll sie doch, ist schliesslich ihr Leben. Mir doch egal.

Karl? Hören Sie, das ist eine lange Geschichte.
Nun gut, wenn Sie meinen.
Ja, am Töfftreff.
Mit 14 war ich zum ersten Mal hier, mit Remo und seinen Freunden und so. Mit 16 habe ich diesen Typen kennen gelernt.
Das ist nicht seltsam, nein. Die ganze Dorfjugend kommt jeweils am Töfftreff zusammen, das ist nicht nur etwas für die Biker. Wenn denn schon einmal etwas los ist hier hinten, muss man das doch ausnutzen. Mit 14 ist man immerhin schon in der achten Klasse. Ist doch cool hier. Feiern halt. Am Freitag an der Oldies-Party, am Samstag dann meistens draussen bei den Festbänken, beim grossen Feuer, oder wenn es regnet, in der Bar und so.
Nein, für die Konzerte habe ich noch nie Eintritt bezahlt. Was soll ich denn an Rock- und Countrykonzerten? Damit kann ich nichts anfangen, hey. Ich steh auf Rap und so. Jawohl. Im grossen Zelt bin ich darum jeweils nur beim Katerfrühstück.
Es mieft zwar jeweils darin, nach gegärtem Gras, Alk und Bratfett. Aber das gehört einfach dazu. Das Frühstück ist super lecker – jedenfalls wenn man nicht zu viel gesoffen hat, hihi.
Was soll das heissen, nicht lustig? Ist doch wahr, dann ist Essen nicht mehr lecker.
Wieso sollte so ein Fest langweilig sein? Man trifft immer wieder neue Leute, die man kennt und so. Bleibt stehen, quatscht ein bisschen, lacht, flirtet und so. Hängt rum. Beobachtet die Biker. Es gibt skurrile Gestalten, wissen Sie. Solche mit Wikinger-Helmen auf dem Kopf etwa. So viel Leder auf einem Haufen sieht man nur alle zwei Jahre, glauben Sie mir. Es ist spannend, den Leuten zuzuschauen, wie sie lachen, essen, reden, trinken. Oder wie die Biker auf ihren riesigen Maschinen übers Gelände jagen. Wenn sie Gummi liegen lassen. Brummm! Voll geil.

Vor zwei Jahren, genau.
Nein, damals half ich nicht hinter der Bar. Ich war ja erst 16, wie soll ich denn da Alk ausschenken dürfen, wenn ich selber noch nicht einmal volljährig war?
Ich war mit drei Freundinnen da.
Fabienne kam nicht, sie war in diesen Wochen erstmals in der Nähe von La Neuveville, bei einer Grosstante, um die Stadt kennen zu lernen und so.
Lara, Rebekka und Claudia. Alle drei von meiner Klasse. Wir sind jetzt beste Freundinnen, seit Fabienne weg ist, wissen Sie.
Wir fuhren mit den Töffli hin, am Freitagabend, zur Oldies Party.
Nein, mir ging es in dieser Zeit nicht besonders gut. Mein Vater war gerade in der Klinik, ich hatte die Schule abgeschlossen, wusste noch nicht so genau, was ich nach dem Zwischenjahr tun sollte. Fabienne würde nach La Neuveville gehen. Und Liebeskummer hatte ich auch, wegen Mario.
Scheisszeit halt.
Mario? Der ging eine Klasse über mir zur Schule und machte damals die Gärtnerlehre. Er ist gross, sportlich, hat dunkles Haar, blaue Augen, sang in der Schülerband – voll süss. Alle Mädchen standen auf ihn.
Klar, über Jahre hinweg. Eine Weile gingen wir im Fall sogar zusammen. Das durfte ich aber niemandem sagen, weil er offiziell noch mit Lara zusammen war.
Das war … in der siebten Klasse. Irgendwann sagte er mir, dass er doch lieber bei Lara bleibe und so. Er habe mich aber unglaublich gern, und ich solle bitte nicht böse sein. Ja, wir waren dann wirklich gute Freunde und so. Bis wir eines Nachts zusammen schliefen. Es war toll. Und ich wollte unbedingt mit ihm zusammen sein. Ich dachte, dass er mich auch will, vor allem, weil er ja nicht mehr mit Lara zusammen war. Doch dann, am Töfftreff, setzten sich die beiden von der Gruppe ab. Später sah ich sie am Feuer. Sie hielten sich in den Armen und knutschten rum und so. Das war voll fies, hey.
Na was schon? Ich beschloss, mich zu betrinken. Manchmal hilft nur noch saufen, jawohl. Konstantin, einer von Remos Clique, half mit. Wir schlossen eine Wette ab: Wer mehr saufen kann, bezahlt dem anderen einen Badi-Eintritt und einen Hamburger.
Ja, anfangs hielt ich gut mit, ich war ja ziemlich geübt. Ich bin ja nicht so ein Tussi, das nach einem Glas schon umkippt und so. Doch mit der Zeit merkte man halt, dass Konstantin 30 Kilo schwerer ist. Ich hatte keine Chance. Trotzdem gab ich nicht so einfach auf und holte an der Bar die nächste Runde Bier.
Da traf ich Karl.
Ja, er … war halt auch dort und so.
Gesehen hab ich ihn, ja.
Nein, nicht weil er mir speziell auffiel.
Wir stolperten aneinander vorbei, im Gedränge. Da hab ich ihn gesehen.
Nein, er hat nichts gesagt.
Ich hab ihn eben gesehen, okay?! Reicht das nicht? Na gut. Ja, wir sprachen zusammen.
Später halt erst, ja.
Okay Mann, ich hab ihn bemerkt, weil er mich küsste. Ja, einfach so. Später haben wir dann schon etwas geredet, glaube ich. So, jetzt wissen Sies. Aber wehe, Sie erzählen das jemandem! Können wir jetzt gefälligst über Melanie sprechen?
Oje.
Attraktiv fand ich ihn nicht, nein, sicher nicht. Gucken Sie ihn an, der ist ja potthässlich. Seine Knollennase, seine Bartstoppeln, die seltsam glasigen Augen und so – nein, er gefiel mir auch damals nicht, obschon ich besoffen war. Der Typ ist ja auch älter als mein Vater, hey.
Ich blieb trotzdem bei ihm in der Bar.
Wieso, weiss ich nicht mehr so genau. Ich blieb eben. Wir knutschten, fummelten und so. Er sagte immer wieder, er könne es nicht fassen, und strahlte mich an.
Mir war schwindelig und ein wenig schlecht. Ha. Doch innerlich triumphierte ich.
Ja, hey, immerhin gab es doch noch einen Mann, der mich wollte. Manchmal darf man nicht wählerisch sein. Manchmal muss man nehmen, was kommt.
Nein, irgendwann gingen wir raus aus der Bar.
Also mehr erzähle ich nicht. Das geht Sie nichts an. Klar?

Vergessen Sies, Mann!

Was soll das heissen, besser gehen?! Lass mich in Ruhe, dann gehts mir besser!

Ich hatte halt einen Blackout und so, ich kann also nichts weiter sagen.
Hmmm … als Nächstes?… Hmmm … weiss ich nicht mehr so genau …
Ja, schon mal wieder.
Als Nächstes … ich glaub, ich kann mich nicht daran erinnern.
Beim Aufklären des Mordes helfen? Wieso? Also ich weiss nicht …

Okay, ich sags Ihnen. Als Nächstes kann ich mich daran erinnern, dass ich in seinem Schlafsack lag.
Hören Sie, das ist wirklich Scheisse jetzt. Muss das sein?

Erst schnallte ich gar nicht, was los war. Dann merkte ich: Der Typ lag auf mir, war in mir.
Nein, ich hatte keine Schmerzen. Es war nur verdammt eng in diesem Schlafsack. Ich konnte kaum atmen, konnte mich kaum bewegen und so. Meine Beine waren eingeklemmt zwischen seinem fetten, widerlichen Körper und der Stoffhülle. Ich ekelte mich vor diesem Typen, der mit offenem Mund keuchend über mir mit dem Kopf zuckte. Ich hätte kotzen können. Hör auf, wollte ich sagen, doch schon presste er die Augen zusammen und schrie auf, wie so ein scheissbrünstiger Hirsch. Spritzte voll ab, voll in mich rein. Dann fiel er auf mich nieder, so glitschig-schweissig, igitt, so schwer, er wälzte mich fast platt. Der Arsch hat nicht mal einen Pariser benutzt.
Ja, was schon. Ich wollte nur noch weg.
Er liess mich sofort gehen, ja. Wollte zwar zuerst, dass ich noch ein Weilchen in seiner Nähe bleibe und so. Aber dann fand er, er wolle mich zu nichts zwingen. Ha! Er strich mir übers Haar und bedankte sich für „den schönen Moment“. Ha!

So, jetzt wissen Sies. Sind Sie jetzt zufrieden?

Ja Mann, das ist schwierig für mich. Was glauben Sie, weshalb ich das nicht erzählen wollte? Klar ist das verdammt schwierig. Fangen Sie jetzt also erst gar nicht an mit Ihrem „und wie fühlen Sie sich jetzt“-Quatsch, Mann.

Auf Ihr Mitleid kann ich verzichten, danke.
Na warum wohl? Ohne Sie wäre ich jetzt nicht so down. Ich glaube, ich ging direkt nach Hause damals.
Am nächsten Tag schluckte ich die Pille danach.
Der Aidstest war negativ. Ich habe wohl Glück gehabt und so.
Nein, an diesem Wochenende ging ich nicht mehr ans Töfftreff. Glauben Sie etwa, ich spinne? Ich wollte doch diesen Typen nie mehr wieder sehen.
Ha! Was hätte das denn schon gebracht, zur Polizei zu gehen, hm? Ich war ja freiwillig mit ihm mitgegangen. Er hatte mir keine Schmerzen zugefügt. Hatte mich zu nichts gezwungen und so. Ich war zwar stocksauer auf ihn – doch ich hatte kein Recht darauf, so zu fühlen. Ha! Letztlich hab ich mich tatsächlich aufgeführt wie eine kleine Schlampe. Und viele haben das gesehen. So viele. Scheisse. Wie hätte ich da irgendetwas beweisen sollen, hm?

Wen sollte diese Geschichte schon interessieren, hm? Mit Mutter sprach ich damals nicht. Vater war in der Klinik und kämpfte selber mit genügend Problemen und so. Fabienne lernte an diesem Wochenende Luc kennen. Seither spricht sie nur noch über ihn. Ha! Und Grossmutter kann ich so etwas doch nicht erzählen, die glaubt doch, ich bleibe Jungfrau, bis ich heirate und so.
Remo? Vielleicht Remo, ja. Doch der schimpfte schon mit mir, weil ich mit diesem hässlichen alten Knacker rumgemacht hatte. Also schwieg ich lieber. Und heute – ha! – interessiert das doch eh niemanden mehr. Ich weiss auch nicht, warum Sie das alles wissen wollen, Mann.
Nein, Melanie und ich standen uns zu wenig nahe, um ihr so etwas zu erzählen. Ich bitte Sie auch, das gefälligst für sich zu behalten, ja. Das geht niemanden etwas an. Sie stehen doch sicher unter Schweigepflicht oder so etwas?
Gut.
Hören Sie, ich … ich bin jetzt wirklich total k.o. und will nach Hause. Bitte.
Ah … Sie sind voll ätzend, Mann. Was denn noch?

Oje.

Na gut.
Am Freitag, als ich an der Bar arbeitete. Ich hatte nicht gedacht, dass der noch einmal an diesem Fest auftaucht. Er ist zwar ganz klar ein Biker, immer voll in Ledermontur und so, aber ich war überzeugt, dass er nur ausnahmsweise an einen Töfftreff gegangen war. Und plötzlich steht der Typ vor mir an der Bar und bestellt einen Whisky-Cola.
Ich wusste sofort, wer er ist. Den vergesse ich nie mehr. Aber er, er erkannte mich nicht, der Arsch.
Gut, das ist vielleicht auch, weil ich mich optisch ziemlich verändert habe in den letzten zwei Jahren.
Ja. Ich habe ein paar Kilo abgenommen und das Haar lang wachsen lassen. Das verändert einen halt schon.
Jaaa, etwa so 14,5 Kilo vielleicht.
Ich wollte halt abnehmen, Mann. Ist doch gut so, wie ich bin jetzt. Zuvor war ich zu fett. Lara ist im Fall immer noch dünner als ich, hey.
Was soll der Scheiss schon wieder? Nein, ich habe sicherlich keine Essstörungen! Was wollen Sie eigentlich von mir, Mann?! Kann man denn nicht einfach mal abnehmen, so dass man sich wohl fühlt in seiner Haut?! Vielleicht habe ich auch Muskel abgebaut, seit ich keinen Sport mehr mache, was weiss ich. Das geht dich wirklich nichts an, verstanden?! Aufbrausend! Ich werde hier festgehalten und ausgequetscht! Und dann kommt da irgend so eine behinderte Psycho-Tante und unterstellt mir, dass ich nach dem Essen kotzen gehe! Wer soll denn da nicht aufbrausen?!
Schon gut. Ich bin einfach froh, wenn dieses Gespräch nicht mehr zu lange dauert. Ist ja wie ein verdammtes Verhör, Mann.
Doch, ich nehme jetzt noch eine Tasse Kaffee.
Nein, ich habe kein Problem mit Koffein.
Gehts noch? Ich trinke so viel Kaffee, wie ich will! Ich bin ein erwachsener Mensch, Sie haben mir gar nichts vorzuschreiben, Mann!
Hören Sie auf mit Tee trinken! Wenn ich mich noch mehr beruhige, kippe ich vom Stuhl. Es sind nur Ihre Fragen, die mich nervös machen. Ich nehme an, Sie wollen immer noch keinen? Gut, die Kanne ist sowieso gerade leer.

Ja was wohl? Erleichtert war ich, dass er mich nicht wiedererkannte. Auch irgendwie verletzt, ja doch. Ich schien nicht so toll gewesen zu sein.
Na, nein, ich liess mir nichts anmerken.
Letzte Nacht machte sich der Arsch an Melanie ran. Ich sage Ihnen, er hat sie umgebracht! Erwürgt oder so, in seiner perversen Ekstase. Das sollten Sie unbedingt der Polizei erzählen. Mir glaubt das ja niemand, nein, mich hält man stattdessen stundenlang hier fest.
Ja, ich warnte Melanie vor diesem Typen. Sie war bereits besoffen. Ich sagte ihr, ich gebe ihr keinen Alk mehr. Schliesslich sei sie noch nicht volljährig und so. Es sei zu ihrem Besten. Trotzdem war sie voll eingeschnappt.
Dann kam halt er zur Theke und bestellte. Den Whisky-Cola für sich, der säuft ja nie etwas anderes als Whisky-Cola. Und ein Gummibärchen für Melanie. Er hatte immer noch keine Ahnung, wer ich war.
Was sollte ich schon tun? Ich konnte mich ja nicht weigern, ihn zu bedienen. Ich mixte also den Whisky-Cola und das Gummibärchen und liess ihn gehen. Kurz darauf verschwanden die beiden. Es war das letzte Mal, dass ich Melanie lebend gesehen habe. Dabei hätte der Typ doch nach dem Wh… Er muss es gewesen sein, ganz sicher! Dabei wollte ich ihr doch helfen.
Indem ich sie warnte, natürlich. Um diese Zeit konnte ich doch nicht von der Bar weg, dort war die Hölle los.
Sind Sie sicher, dass Melanie keine Gewalt angetan wurde? Das glaube ich nicht. Wie hätte der Mistkerl denn sonst …? Ja aber … sie war doch noch so jung. Da stirbt man doch nicht einfach so. Oder?

Gift, sagen Sie?
Aha. Medikamente. Medika… vermischt mit Alkohol.
Hmmm.

Aber der Arzt kann sich doch auch irren. Oder?

Whisky-Allergie, vermutete dieser Typ zuerst? Wie kommt der auf so eine Schnapsidee? Da sieht man ja erst recht …
… aha …
… speiübel, als sie den Whisky-Cola …
… dann Krämpfe? Aha …
… sofort tot?
Hmm.
Moment. Sie meinen, nicht er, sondern sie hat diesen Whisky-Cola getrunken, den ich …? Und er … Melanies Gummibärchen?!

Scheisse. Verdammt.

Das wollte ich nicht. Oh Mann. Scheisse.

Warum, ja, warum weine ich wohl?! Freudentränen werden es wohl sein!
Das ist schon wieder eine verdammte Unterstellung! Wie sollte ich überhaupt an solche Medikamente herankommen?

Woher wissen Sie, dass meine Grossmutter …?

Also hören Sie, jetzt reicht es. Das wird mir zu blöd. Wir haben genug geredet. Ich gehe jetzt nach Hause.

– Ende –



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