Emmental Blog

Neues, Geschichten und Abenteuer aus dem Emmental

Spuk und Aberglaube: Im Emmental gehen die Geister nicht nur zu Halloween um

30.10.2011 | von: Christian_Billau | Tags: Geschichte | 0

„Es git no Sache änedra“, heisst ein Buch des Emmentalers Hans Steffen. Ein „träfer“ Titel, der so vieles beschreibt, was im Emmental geschieht. Ruhelose, Geister, Spuk: Dies sind bei vielen Menschen hier allgegenwärtige Themen. Schon als Kind, obwohl weder in einer besonders frommen noch in einer besonders abergläubischen Familie aufgewachsen, waren mir die Geschichten des Stauffenjutzi bekannt. Er, der geköpfte Frauenmörder, kehre mit dem Kopf unter den Arm geklemmt öfters mal aus dem Totenreich zurück und treibe sein Unwesen.

Im Aeschengraben führte ein Fremder die Rosse

Oft habe ich mir auf dem etwas düsteren Schulweg Gedanken gemacht, wie der Jutzi mit seinem kopflosen Rumpf wohl aussehe. Er gehörte zu meiner Kindheit wie die weiblichen Waldkäuze, die „Wigglen“, die mit ihren eindringlichen Rufen die zum Sterben Auserwählten holen. Oder wie die Schilderungen der alten Frauen, die fest davon überzeugt waren, dass Sterbende bei ihnen an die Wand geklopft und Adieu gesagt hätten. Und als mir ein Grossvater aus der Nachbarschaft eindringlich und mit ernster Miene viele Jahre später seine Erlebnisse mit Jutzi erzählte, wurde mir im Nachhinein sehr sonderbar, wenn ich an den Graben dachte, in dem ich die halbe Kindheit mit Spielen verbracht hatte.
Im Aeschengraben bei Trub nämlich soll der Jutzi eine seiner schwangeren und dadurch unattraktiv gewordenen Liebhaberinnen erwürgt und verscharrt haben. Und genau darum müsse er wieder und wieder dorthin zurückkehren. Der Bauer, der im unwegsamen Gebiet des Aeschengraben Wald besass und nur mit Pferden im Stand war, die Trämmel zu schleifen, sagte: „Es ist mehrmals vorgekommen, dass meine Rosse plötzlich von einem anderen geführt wurden. Sie hörten nicht mehr auf mich, sondern auf den anderen, der lautlos neben uns herging.“ Dass es sich dabei um Jutzi gehandelt hat, war für den alten Mann sonnenklar. Er machte den Ruhelosen auch für die Knüppel in den dicken Eisenketten, für plötzlich erkrankte Rinder oder für die Zöpfe in den Pferdemähnen verantwortlich. Ähnliches erzählte eine Bäuerin, die über dem Aeschengraben auf der Risisegg lebte, dem Journalisten Hans Herrmann, der Spukgeschichten aus dem Emmental für sein gleichnamiges Buch sammelte. Das Vieh sei auf der Weide zuweilen von einem Unbekannten angetrieben worden. Klarer Fall, auch da hatte der Jutzi seine Finger im Spiel.

Wem folgen die Kühe frühmorgens auf der Risisegg?

Besonders bunt dürfte es im Aeschengraben und anderswo also übernächste Nacht zu- und hergehen. Die Nacht zu Allerheiligen habe es besonders in sich. Angeknüpft an den Brauch des Halloween sollen in dieser Nacht die Verstorbenen aus der Anderswelt zurückkommen. Halloween war ein Herbstfest der keltischen Druiden in Irland am Vorabend von Allerheiligen und nach damaligem Kalender die letzte Nacht des Jahres.
Es war eine Art Erntedankfest und wurde mit grossen Feuern gefeiert. Aber nicht nur das! In dieser Nacht, so war man überzeugt, kamen die Seelen der Verstorbenen auf die Erde zurück. Waren es Seelen von guten Menschen, so durften sie in ihre Häuser zurück für diese eine Nacht und fanden Ruhe. Waren es aber Seelen von bösen Menschen, so mussten sie die ganze Nacht umherirren.
Eine andere Schilderung einer alten Frau, die ich kürzlich wegen einer Buchbestellung am Telefon hatte, zeigt, dass es ganz klar feinfühlige Menschen gibt, die mehr sehen als andere: „Wir lebten in einem alten Haus in der Nähe von Lützelflüh. Es geistere, öfters hörten wir abends im ‚Stubegädeli‘ schwere Schritte. In genau diesem Zimmer schlief unsere Jüngste, die wegen Problemen bei der Geburt eine Behinderung hatte. Als mein Mann und ich uns einmal darüber unterhielten, was gegen den Spuk unternommen werden könnte, hat uns unser Kind belauscht und gesagt: ‚Redet ihr vom Geistli in meinem Zimmer?‘ Das Kind hatte sich offenbar – obwohl wir nie mit ihm darüber geredet hatten – längst mit seinem ‚Mitbewohner‘ arrangiert und hatte weder Furcht noch Scheu vor dem Ruhelosen, der sich nachts im alten Taunerhaus bemerkbar machte.“

Übrigens: Ganz nah am Seltsamen und Unerklärbaren bewegen sich die Heiler. Auch sie sind im Emmental gut vertreten und sollen im nächsten Beitrag vorgestellt werden.

Buchtipp: Hans Peter Roth, Niklaus Maurer: „Orte des Grauens in der Schweiz – Von Spukhäusern, Geisterplätzen und unheimlichen Begebenheiten“, AT Verlag.

Text und Bilder: Verena Zürcher
http://www.landverlag.ch/



Kommentar schreiben


 
 
Kommentar



Kommentare

© Tourismus Emmental 2011 | Datenschutzerklärung