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Die Goldhügel des Emmentals

11.09.2013 | von: Christian_Billau | Tags: Emmental News, Geschichte, Impressionen | 0

Der Sommer hat sich mit einem Donnerwetter verabschiedet. Vielleicht macht sich bei den einen oder anderen Menschen deswegen Melancholie breit. Einen grossen Trost gibt es: Nie ist das Licht schöner als jetzt, wo der Herbst in grossen Schritten naht. Und urplötzlich sind die Emmentaler Höger mehr als grüne Anhöhen – sie verwandeln sich im Nu in Goldhügel …

In Emmentaler Sagen ist immer wieder von Hügeln die Rede, in denen angeblich ein Goldschatz schlummert. Was hat es damit auf sich? Die Spurensuche endet bei einem Schatz, den jeder in sich trägt.

goldhügel

Wieder streut der Herbst das Gold von Buche, Ahorn und Esche über die Wiesen und Wege. Der Glanz der dritten Jahreszeit ist vergänglich – anders als die verborgenen Schätze, von denen so manche Sage kündet und die in bestimmten Hügeln des Emmentals angehäuft sein sollen. Eine dieser geheimnisumwitterten Stätten ist die Heidenfluh ob Hasle. Westseitig wölbt sie sich im Waldboden sanft zu einem Hügel auf, ostseitig fällt sie schroff und schrundig als Nagelfluhwand senkrecht ab. Die Örtlichkeit ist von alten, aber noch immer deutlich erkennbaren Überresten eines Wallwerks aus Erde umgeben. Es heisst, dass in einer Höhle im Fels ein mit Gold und Edelsteinen schwer beladener Wagen verborgen sei. In bestimmten Nächten öffne sich das Höhlentor auf zauberische Weise von selbst, und wer sich beeile, könne den Wagen aus dem Berg ziehen. Besonders wichtig sei, während der Arbeit kein Wort über die Lippen zu bringen, sonst entgleite einem der Schatz.

Verschwundene Burgen

Auch die Burgdorfer Gisnauflühe sollen ein Goldhort sein. Der Hausberg der Truber, der Napf, birgt angeblich einen goldenen Baumstamm. Im Heimiswiler Tschoggen und im Münneberg bei Grünenmatt warten Goldschätze auf Wagen darauf, gehoben zu werden. Auf dem Bärhegenknubel ob Wasen sonnen an manchen Tagen die Berggeister ihre goldenen Münzen, und im Hügel weit hinten im Talgraben, auf dem einst die Schmidslehnburg stand, ruht ein Kupferkessel mit wertvollem Inhalt. Er wird von einer weiss gewandeten Frau und zwei weissen Raben bewacht. Ausgraben kann ihn nur, wer dabei schweigt. Was hat es mit diesen merkwürdigen Goldhügeln auf sich? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zuerst einmal klären, was über diese Stätten historisch verbürgt ist.

Gysnaufluh

Es ist wenig genug – aber immerhin kann als gesichert gelten, dass einige dieser Hügel einst die Standorte von einfachen Holzburgen, sogenannten Motten, waren. Motten pflegte man auf schwer zugänglichen Felsen oder künstlich aufgeschütteten Hügeln zu errichten. Ein Ringwall mit Palisadenzaun umgab das Areal. Das Gebäude selber war ein blockhausartiger Holzturm, der sich gut verteidigen liess. In Kriegszeiten oder beim Herannahen von Raubbanden dienten solche Anlagen dem Schutz der Bevölkerung. Mit Kind und Kegel verschanzte man sich hinter den Palisaden und wartete, bis sich das Ungemach verzogen hatte. Im Emmental existieren rund sechzig solcher Burgstellen. Sie stammen aus den frühen Zeiten der emmentalischen Besiedelung, die um das Jahr 700 herum einsetzte. Türme und Palisaden sind längst verrottet, aber die künstlichen Hügel, Wälle und Gräben zeugen noch heute von den einstigen Fliehburgen. In diesen Refugien brachte man nicht nur sich selber, sondern auch Geld, Gold, Schmuck und andere Kostbarkeiten in Sicherheit. Das mag wohl zum Geraune geführt haben, dass sich in manchen der alten Burghügel noch heute ein sagenhafter Goldschatz befinde. Hineinspielen dürfte aber auch die vage Erinnerung an vorchristliche Grabhügel: In der Keltenzeit wurden Fürsten und andere hochgestellte Persönlichkeiten mit einem Wagen und kostbaren Beigaben in einem Hügel beigesetzt. Das Motiv des Schatzwagens findet sich in den Sagen von der Heidenfluh, dem Tschoggen und dem Münneberg wieder. Zu guter Letzt haben die Goldhügel aber auch einen spirituellen Aspekt. Bei Orten, um die sich Sagen ranken, handelt es sich nicht selten um einstige Kultstätten. Die Raben, Zwerge, schwarzen Pferde und weissen Frauen, die durch die Erzählungen geistern, sind nichts anderes als die Schatten der alten Götter Donar, Wodan, Ziu und ihres Gefolges. Unter diesem Gesichtspunkt sind die Goldschätze in den Hügeln symbolisch zu verstehen – als Metapher für die Suche nach innerem Reichtum.

Vom Wert des Schweigens

Rislau

Bei den Goldsagen fällt ein Merkmal besonders auf: das Redeverbot. Wer unfähig ist, seinen Mund zu halten, kann auch den Schatz nicht gewinnen. Anders gesagt: Schweigen erzeugt im Menschen jene Ruhe, die ihm innere Türen öffnet und ihn zum geistigen Schatz führt, der in seiner Seele schlummert. Die deutsche Psychotherapeutin Ingrid Riedel berichtet in ihrem Buch «Sagen und Religion» von den märchenhaften Goldbrunnen in Oberdeutschland. Deren Reichtum fliesse verschwenderisch; das Gold allerdings versiege, sobald man davon erzähle. «Überall weiss man in diesen Sagen, dass es schädlich ist, die Quellen äusserer oder innerer Funde aus der Tiefe zu beschwätzen, zu beschreien. Dadurch gehen sie einem wieder verloren.» Wie sagt der Volksmund doch so schön? Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Wer überzeugend zu reden versteht, sich und seine Ideen gut verkauft, wird viel Silber – sprich Geld – verdienen; Gold jedoch, jener mythische Wert, der sich vom «ordinären» Silber abhebt und in eine andere Dimension verweist, wird allein dem zuteil, der schweigen kann. Das Gold, das auf einem grossen Wagen in einer Höhle bereitliegt, gehört dir. Es war schon immer dein Eigentum. Soll es dir und anderen Nutzen bringen, musst du es heben. Spanne ein und fahre zu! Lass dich dabei aber nicht von jener Stimme leiten, die du auf der Zunge trägst, sondern von jener, die in deinem Herzen wohnt. Sie ist die wahre Führerin, und hören kannst du sie nur, wenn du schweigst.

Text und Bilder: Archiv „Lebenslust Emmental“ (Hans Herrmann, Hanny Wyss, Verena Zürcher)
www.landverlag.ch



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