Alpabfahrt: Fröhlich-melancholischer Abschied vom Sommer

Kurz vor und nach dem Bettag kehren manch ein Rind und manch eine Kuh von der Sommerweide zurück. Zwar werden die Alpabzüge nicht so zelebriert wie die Alpaufzüge Ende Mai und Anfang Juni. Dennoch: Wenn die Rämisgummen-Hirten mit ihrem Vieh bergab ziehen, stehen viele Zaungäste da und hören dem Glocken-und Schellengeläut mit Wehmut zu. Nicht selten streichen die ersten Nebel über die Hügel und unterstreichen das melancholische Abschiednehmen vom Sommer, von der Weide.

Die Kühe von der Lüderen sind bereits am 15. September heimgekehrt. Jene von Rämisgummen nehmen den Weg am 22. September unter die Klauen. Just an dem Tag, wo auch die Eggiwiler ihren Jahrmarkt abhalten. Und mitten drin, etwa gegen 11.30 Uhr, wird die Herde, die den Sommer über auf der Alp verbracht hat, im Dorf einlaufen und Schaulustige in Scharen anlocken.

Kaum sind die Kühe dann wieder in den heimischen Ställen, geht’s los mit striegeln und stylen. Die Herbstviehschauen sind fast so legendär und beliebt wie die Herbstmärkte. In allen Dörfern trommeln die Viehzuchtgenossenschaften ihre schönsten Exemplare zusammen und lassen sie auf dem Dorfplatz aufmarschieren. Und dann wird begutachtet, werden Zuchtpapiere studiert und erste Händel in die Wege geleitet. Wichtig ist die Punktierung, welche neben Milchleistung und Melkbarkeit auch das Äussere einer Kuh bewertet. Fett-und Eiweissgehalt in der Milch sind weitere Faktoren, die entscheiden, ob es sich lohnt, mit einer Kuh zu züchten. Gut klassierte Tiere und deren Kälber lassen sich natürlich auch zu einem besseren Preis verkaufen. Die Viehzuchtgenossenschaft Affoltern im Emmental etwa feiert heuer, am 24. September, auf dem Areal der Emmentaler Schaukäserei ihre Jubiläumsschau. Wer sich also mal in aller Ruhe ganz viele schöne und leistungsstarke Kühe aus der Nähe anschauen will, besucht eine Viehschau. Natürlich darf auch dort das Drumherum mit Leckereien, Fachsimpeln und einem gesellschaftlichen Stelldichein nicht fehlen. Ich weiss noch, wie ich und meine Kolleginnen früher den Anlässen entgegenfieberten; wir nahmen aber nicht primär die Kühe sondern die Jungbauern ins Visier!

Übrigens: Die Alp Rämisgummen mit ihren 129 Hektaren Fläche gehört der Enkelin der legendären Berner Aristokratin Madame de Meuron (1882 bis 1980). Ein Blick auf ihre Kurzbiografie lohnt sich!

Text: Verena Zürcher, Verlegerin und Autorin, Bilder: Tourismus Emmental/Hans Kern
www.landverlag.ch

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