Der "baumlange" Wenger war fünffacher Schwingerkönig

Christian Wüthrich, Jakob Wüthrich, Peter Beer, Michael Uhlmann, Ulrich Gerber, Mathias Wittwer, Peter Bächler, Johann Ulrich Beer, Simon Siegenthaler, Jakob Ryser, Johann Wenger, Simon Wüthrich, Johann Salzmann, Christian Schneider, Rudolf Schneider und noch einmal Simon Wüthrich.
Währschafte Namen, flotte Burschen, alles Emmentaler. Und einst, im 18. oder 19. Jahrhundert Schwingerkönige!
Das Emmental, Austragungsort des „Eidgenössischen“ von 2013 in Burgdorf kann sich also durchaus zeigen mit seiner Königsbilanz. Die meisten stammten aus Trub, einer aus Schangnau, einer aus Sumiswald und einer aus Röthenbach. Und er, dieser Johannes Wenger, hatte es ganz besonders im Griff.

„In der Oberei sind die drei Brüder Jakob, Friedrich und Johannes Wenger von der Sagimatt schon früh durch Bärenstärke und Körpergrösse aufgefallen“, heisst es in einem Abriss, den der Berner Mathematiker Hans Riedwyl in Kleinstarbeit aus verstaubten Archiven zusammengetragen hat. Überhaupt ist die Seite von Hans Riedwyl, der einst nur Familienforschung betreiben wollte, ein grossartiges Sammelsurium an hochspannenden Geschichten, welche sich früher in der Region Röthenbach zugetragen haben.
Eben, der jüngste der drei Wenger-Brüder, Johannes oder auch Hans genannt, sollte es Mitte des 19. Jahrhunderts zum fünffachen Schwingerkönig bringen! In einer Zeitung von 1855 etwa stand zu lesen: „Auf einmal hebt Wenger seinen Gegner in die Höhe und schmettert ihn mit unwiderstehlicher Gewalt zu Boden. Dumpf hin kracht es im Fall. Er musste vom Kampfplatz getragen werden, doch erholte er sich bald wieder.“
Der „baumlange Wenger“, wie der Emmentaler Schwingerkönig genannt wurde, war bald ein gern gesehener Gast an den Schwingfesten. Es sei schwer, historische Quellen zu finden, welche belegen, ab wann im Emmental solche Schwingfeste stattgefunden hätten, sagt Hans Riedwyl. Belegt ist, dass auf Grosshorben zwischen Rämmisgummen und Wachthubel 1660 ein Schwinget durchgeführt wurde. Dokumentiert ist dies darum, weil sich das Chorgericht eingeschaltet und die Teilnehmer gefragt habe, ob auf Grosshorben auch getanzt worden sei. Das Tanzen, Kegeln und Jassen in der Öffentlichkeit wurde damals nämlich geahndet – nicht aber das Schwingen.

Zu den Glanzzeiten von Johannes Wenger waren es vor allem die legendären Ostermontags-schwinget auf der grossen und kleinen Schanze in Bern, die für Aufsehen sorgten. Liest man die Ranglisten von damals, fällt auf, dass die Kämpfe lange Zeit eine Sache zwischen Emmentalern und Oberländern waren, ab und zu mischte ein Entlebucher mit. Dazu eine historische Quelle:  „Da sich der Emmentaler im Allgemeinen durch seine Kraft, der Oberländer aber durch seine Behändigkeit und Gelenkigkeit auszeichnet, so war auch die an diesem Schwinget besonders aufgefallene Tatsache erklärlich, dass der Emmentaler immer zuerst die Offensive ergriff und kraftvoll einen unerwarteten Handstreich auszuführen versuchte …“

Der Schwingboom Mitte des 19. Jahrhundert führte dazu, dass bald jedes Bädli und jeder Gasthof in der Stadt und auf dem Land einen Schwinget veranstalten wollten und darum die Favoriten aus dem Emmental mit guten Preisen auf die Schwingplätze lockten. Der erste Preis war meistens ein Schaf und an einem grossen Schwinget ein Muneli. Mit der Gründung des Eidgenössischen Schwingerverbands im Jahre 1895 nahm die Zahl der Schwinger und Schwingfeste stark zu.

Übrigens: Es scheint an Name und Ort zu liegen, denn der aktuelle Oberländer Schwingerkönig Kilian Wenger gewann 2006 just in Röthenbach das Nachwuchsschwingen. Kilian Wenger ist allerdings kein Nachkomme des bärenstarken, baumlagen Wengers.

Text: Verena Zürcher, Bilder: Archiv Hans Riedwyl/Wikipedia
http://www.landverlag.ch/

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