Ein zorniger Fluss ohne Quelle

Die Aare entspringt den Aaregletschern, die Reuss dem Gotthardmassiv. Als Quelle des Rheins gilt der bündnerische Tomasee. Und die Emme? Jener Fluss, der unserem Tal den Namen gibt? Das ist, wie so vieles im Emmental, irgendwie mysteriös und nebulös. Weder Gletscher noch See bilden hier den Ursprung. Irgendwo im kalkigen Gebiet zwischen Hohgant und Augstmatthorn, dort wo die Wiesen besonders feucht sind, dort drückt aus unzähligen sumpfigen Löchern Wasser hervor, vereint sich zu kleinen Rinnsalen. Und plötzlich ist es da, das kleine Bächlein, das schon den Namen Emme trägt.

Bis zu ihrer Einmündung in die Aare unterhalb Solothurn legt sie 80 Kilometer zurück. Erst plätscherndes Bächlein, bald schon stattlicher Fluss, durchquert sie die phänomenale Räblochschlucht zwischen Schangnau und Eggiwil, plätschert vorbei an Feldern, Streusiedlungen, Einzelhöfen und Dörfern, hinunter ins untere Emmental, wo man aus ihrer Kraft Energie gewinnt. Die Emme ist bekannt dafür, dass es bei Gewittern im Quellgebiet zu richtigen Flutwellen kommen kann. Die vielen Hochwasser führten dazu, dass der Fluss darum im 19. Jahrhundert über weite Strecken kanalisiert und beidseitig Dämme aufgeschüttet wurden. Bei Emmenmatt etwa steht noch heute ein Baum, der weit oben ein eingeritztes Zeichen hat. Es soll von einem Mann stammen, der bei Flut auf den Baum geflüchtet ist und die ganze Nacht dort oben bis zu seiner Rettung ausgeharrt hat. Mit dem Sackmesser habe der in arge Not geratene Bauer ein Zeichen in die Baumrinde geritzt.

Der Lauf der Emme ermuntert, erwandert zu werden. Die Strecke ist abwechslungsreich, zeigt die Schönheit der Landschaft, führt über etliche historische Holzbrücken und lädt ein, sich Wissen über Grundwasser, Flösserei, Gold, Kies und allgemeiner Geologie anzueignen. Aber auch im untersten Teil des Emmelaufs warten Sehenswürdigkeiten auf den Wanderer. Im Rüegsauschachen das Emme-Museum, das passend zur Wanderung viele Fragen zum zornigen Fluss beantwortet. Ein Bijou besonderer Güte ist das einzige Wasserschloss des Emmentals, das herrschaftliche Schloss Landshut bei Utzenstorf.

Übrigens: Schloss Landshut beherbergt das Schweizerische Jagdmuseum. Jagen ist im Emmental ein grosses Thema. Darum kehren wir im nächsten Blog zu Schratte und Hohgant zurück, wo Steinbock- und Gämskolonien auf Adleraugen warten.

Text: Verena Zürcher, Autorin und Verlegerin, Bild: Lebenslust Emmental
http://www.landverlag.ch/

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