Emmentaler Plenterwald: Robustes Vorzeigeobjekt

 
Bald sind es zwanzig Jahre, dass ich Vladimir aus St. Petersburg kennen gelernt habe. Der junge Forstingenieur war zusammen mit einem guten Dutzend Studienkollegen mit dem damaligen Oberförster Walter Marti in den Emmentaler Plenterwäldern unterwegs. Die Faszination der Russen war gross, Martis Wissen über die Bewirtschaftung der Vorzeigewälder ebenso. Noch heute führt Marti zahlreiche Gruppen durch unsere Wälder. Weil sie beliebte Studienobjekte sind, weil sie einzigartig sind und weil sie auch im unwegsamen Gebiet fast bis zur Perfektion gehegt und gepflegt werden.

 
Reden wir  von Wald, sagen wir meistens: „Es hat Tannen und Buchen.“ Stimmt. Zum Teil. Denn konkret reden wir meist von drei Bäumen, von der Rottanne (Fichte), von der Rotbuche und von der hier im Emmental noch relativ weit verbreiteten Weisstanne. Letztere ist ein klassischer Vorkomme im Plenterwald. Denn andernorts ist ihr Bestand stark rückgängig. Die Weisstanne reagiert empfindlich auf Umwelteinflüsse, Parasiten und Kahlschläge. Das Holz der Weisstanne ähnelt dem der gemeinen Fichte, ist aber resistenter gegenüber Feuchtigkeit und wird deshalb häufig im Erd- und Wasserbau genutzt. Zudem lässt es sich gut behandeln und verarbeiten. Der ganze Chuderhüsiturm etwa ist aus hiesigem Weisstannenholz gebaut. Und die Heimstätte Bärau bei Langnau produziert ihre begehrten Holzspankörbe ebenfalls aus Weisstanne – die Elastizität des Holzes ist prädestiniert, um Holzspan herzustellen.

Natürlich treffen wir in hiesigen Wäldern auch auf andere Bäume und zahlreiche Sträucher, auf die Esche, den Ahorn, die Eiche, die Erle, die Eberesche oder auf Holunder und Stechpalm. Birken und wilde Kirschbäume am Waldrand, einzelne Lärchen oder Föhren vervollständigen das Bild.

In Plenterwäldern wird laufend so viel Holz genutzt wie nachwächst, kleinflächig, ohne Kahlschlag. Plenterwälder gelten als beispielhaft für die nachhaltige Waldbewirtschaftung. Im Emmental werden einige von ihnen seit 1905 von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL erforscht, in enger Zusammenarbeit mit dem Amt für Wald des Kantons Bern.

 
Im Wald herrscht ein ständiger Wettkampf ums Sonnenlicht. Setzen sich grosse Bäume durch, ist ihr Kronendach so dicht, dass der Jungwuchs darunter keine Chance hat. Noch im vorletzten Jahrhundert liess man die Natur gewähren und rodete alle paar Jahre die grossen Bäume. Es dauerte Jahrzehnte, bis wieder Nachschub gewachsen war. Beim Plentern ist das anders, der Förster markiert in Absprache mit dem Waldbesitzer die zu fällenden Bäume. Ein Plenterwald ist also kein Urwald. Mit gezielten Eingriffen werden sein Wachstum und seine Vielfalt gefördert. Offenbar bewährt sich dies auch im Zusammenhang mit Sturmschäden, Wildverbissen oder Parasitenbefall. Die Fauna und Flora sind in einem gut gepflegten Plenterwald entsprechend gross.

Übrigens: Die Weisstanne wird bereits im 1. Jahrhundert von Dioskurdes als Heilmittel erwähnt. Hippokrates geht später auf die hilfreiche Verwendung des Tannenharzes ein und im frühen Mittelalter beschreibt die Äbtissin Hildegard von Bingen den Geruch der Tannennadeln als balsamisch und belebend.

Text und Bilder: Verena Zürcher, Autorin und Verlegerin
http://www.landverlag.ch/

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