Garnelen, frisch vom Bauernhof

Die Bauernfamilie Kunz lebt auf dem stadtnahen Eyhof bei Burgdorf und mästet und verkauft seit November 2015 erfolgreich frische Garnelen ab Hof. Die Aufzucht der ungewöhnlichen Tiere soll einerseits zu einem neuen Standbein des Betriebs werden und andererseits auch in Lizenz an andere Landwirtschaftsbetriebe vergeben werden. Wir durften der Garnelen-Bäuerin Irene Kunz über die Schulter schauen.

Ein ausgewachsener Aemme Shrimp.
Ein ausgewachsener Aemme Shrimp.

Seit November 2015 verkauft die Familie Kunz – Fritz und Irene Kunz sowie ihre Söhne Christian und Jürg – frische Garnelen ab Hof an Private und Gastronomiebetriebe. Renommierte Restaurants wie der Emmenhof Burgdorf oder Stefan Wiesners Gasthof Rössli in Escholzmatt setzen auf die Marke Aemme Shrimp aus Burgdorf. Doch wie entstand überhaupt die Idee zur Garnelenaufzucht? Irene Kunz lächelt und blickt von ihrer Kaffeetasse auf: «Es muss ungefähr 1994 gewesen sein, als wir in Australien erstmals mit der Zucht von Flusskrebsen und später auch mit Shrimps in Kontakt kamen. Von da an liess uns die Idee nie mehr los», erinnert sie sich. 1997 investierte die Familie dann in ein Start-up Aquakultur-Unternehmen im Bereich Indoor Shrimp in Kalifornien. Das Ziel war, neue Betriebszweige für die Schweizer Landwirtschaft zu entwickeln. Die Firma scheiterte, die Idee jedoch lebte weiter. «2012 entschlossen wir uns, die Idee mit den Shrimps entweder umzusetzen oder endgültig abzuhaken», sagt Irene Kunz. Nachdem sie 2013 mit ihrer Schwägerin einen Landwirtschaftsbetrieb in den USA besucht hatte, der erfolgreich von der Schweine- zur Shrimpzucht gewechselt hatte, beschloss Familie Kunz im früheren Schweinestall eine Anlage einrichten. Vorher aber absolvierte der ältere Sohn Christian in jenem Betrieb in den USA ein mehrwöchiges Praktikum, um sicher zu sein, dass die Garnelenmast und die damit verbundene Arbeit sich für den eigenen Hof eignen würden. «Er kehrte begeistert zurück und wir starteten mit dem Umbau des Schweinestalls», erzählt Irene Kunz. Dazu mussten Wände und Decken des Stalls mit einer Sprühisolation versehen und der Raum verdunkelt werden. Denn die Warmwassergarnelen der Art «Pacific White Shrimp» mögen es nicht nur warm, sondern auch dunkel und ruhig. Die Garnelen leben in einem Aufzuchtbecken bei 32 Grad und danach in vier Mastbecken bei einer Temperatur von circa 28 Grad Celsius. «Beim Wasser handelt es sich um eigenes Quellwasser, das mit etwas Meersalz angereichert wird und mit Biofloc versetzt ist», erklärt die Bäuerin. Die im Biofloc enthaltenen Bakterien bauen abgestreifte Schalen, Ausscheidungen und Futterreste der Shrimps ab. Das Wasser muss somit nicht gewechselt, sondern nur ab und zu aufgefüllt werden, um Verdunstungsverluste auszugleichen. Das sogenannte Biofloc-Verfahren ist umweltschonend, da es sich um ein Kreislaufsystem handelt und entsprechend wenig Salz und Wasser verbraucht wird.

Frische, Qualität und Nähe

Warum sollten die Konsumenten zu dem Aemme Shrimps aus Burgdorf – oder generell Schweizer Shrimps – greifen? «Wir liefern nur auf Bestellung und unsere Garnelen werden bloss gekühlt und nicht tiefgefroren», erklärt Irene Kunz. Wer also abends Garnelen beim Eyhof abholt, kann sicher sein, dass diese am Morgen noch im Becken geschwommen sind. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass die Tiere im Gegensatz zu Importware ohne Antibiotika aufwachsen. «Da die Tiere in einem geschlossenen Wasserkreislauf mithilfe von Bakterienkulturen gemästet werden, können wir gar keine Antibiotika benutzen, weil sonst die Bakterien sterben würden», erklärt Kunz. Auch würden die zum Teil fragwürdigen Arbeitsbedingungen in den üblichen Produzentenländern vermieden und die langen Transportwege wegfallen, argumentiert sie. Im Gegensatz zum Wildfang kann bei der Aufzucht auch der Beifang vermieden werden, der üblicherweise ungenutzt ins Meer zurückgeht. Damit die Shrimps sich in Burgdorf wohl fühlen, muss die Bauernfamilie einiges leisten: Die jungen Garnelen, die zu Beginn kaum von blossem Auge zu erkennen sind, werden viermal pro Tag gefüttert. Auch wird die Wasserqualität im hauseigenen Labor jeden Tag geprüft und durchläuft mehrere Tests. Zusätzlich werden die ausgewachsenen Tiere regelmässig in einem externen Labor kontrolliert. «Das Aufheizen des 28 Grad warmen Wassers geschieht mittels hofeigenen Sonnenkollektoren. Notfalls kann die Energieversorgung durch eine Holzschnitzelheizung mit Holz aus dem eigenen Wald ergänzt werden», erklärt Irene Kunz. Sie und ihre Familie glauben, dass die Garnelenmast möglichst nachhaltig ablaufen sollte. Auch Versorgungssicherheit ist ein Thema: Damit die Garnelen einen Stromausfall schadlos überstehen, steht ein Notstromaggregat bereit. Es ist klar, dass die anspruchsvolle Aufzucht der Burgdorfer Shrimps, die beim Verkauf pro Stück rund 25 Gramm wiegen, sich auch im Preis niederschlägt. Dieser beträgt 10 Franken pro 100 Gramm. Die Mindestbestellmenge liegt bei vier Garnelen.

Pilotphase 1 ist erfolgreich abgeschlossen, Pilot 2 läuft

Während die eigene Zucht seit November 2015 rund läuft, wurde parallel dazu eine zweite Pilotanlage auf dem Hof aufgebaut, in der Familie Kunz fleissig Daten und Erkenntnisse sammelt, die sie später interessierten Landwirten zur Verfügung stellen möchte. Dazu wurde 2014 die Aquafuture Switzerland GmbH gegründet. Wie muss man sich das weitere Vorgehen vorstellen? «Wir werden interessierten und geeigneten Landwirten in unserer Pilotanlage zeigen, wie die Tiere gehalten werden. Danach unterstützen wir diese Bauern beim Bau einer eigenen Anlage, welcher viele Arbeiten in Eigenregie beinhaltet. Die Betriebe schliessen mit uns einen Lizenzvertrag ab und erhalten von uns nebst den nötigen Informationen und der Beratung zum Start der Aufzucht auch rund 60 Tage alte Garnelenlarven, die die heikelste Lebensphase bereits hinter sich haben», skizziert Irene Kunz die Zukunft. Die Lizenz-Betriebe sollen nach dem Wunsch der Familie Kunz ihre Garnelen unter eigenem Namen vertreiben. Auch soll auf eine gute regionale Verteilung geachtet werden, damit sich die Garnelenbauern nicht konkurrenzieren. Ideal geeignet sind Betriebe mit ungenutzten Räumlichkeiten, etwa alten Ställen. Auch müssen künftige Züchter sich bewusst sein, dass die Garnelenaufzucht ein 365-Tage-Unternehmen ist. «Man kann die Arbeit zwar gut auf zwei, drei Personen aufteilen, aber die Betreuungssituation sollte konstant sein», betont Kunz. Wichtig ist ihr auch, die künftigen Lizenznehmer vor vermeidbaren Fehlern zu schützen. Anders als bei der selbst durchlebten Adaption des amerikanischen Vorbilds auf Schweizer Verhältnisse sollen weder Sprachprobleme noch andere Schwierigkeiten dem Erfolg im Weg stehen oder diesen verlangsamen. Da sich bereits viele interessierte Bauern gemeldet haben, sollte der Plan bald in die Tat umgesetzt werden können. Für Schweizer Konsumenten sind das gute Nachrichten. Wenn sich das Modell durchsetzen kann, werden künftig wohl öfter Garnelen aus Schweizer Aufzucht auf unseren Tellern landen. Exotische Tiere aus der Region gewissermassen – man darf gespannt sein!

http://www.aemmeshrimp.ch

Text und Fotos: Christian Bärtschi

Irene Kunz – Garnelen-Bäuerin mit Leib und Seele.
Irene Kunz – Garnelen-Bäuerin mit Leib und Seele.

Im hauseigenen Labor wird die Wasserqualität laufend geprüft.
Im hauseigenen Labor wird die Wasserqualität laufend geprüft.

Auf dem Eyhof sind nicht nur Milchwirtschaft und Obstbau, sondern auch die Garnelenzucht Trumpf.
Auf dem Eyhof sind nicht nur Milchwirtschaft und Obstbau, sondern auch die Garnelenzucht Trumpf.

Fangfrische Shrimps aus Burgdorf – für Private und Gastronomiebetriebe.
Fangfrische Shrimps aus Burgdorf – für Private und Gastronomiebetriebe.

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