Ideen aus dem Stein erschaffen

Lilian H. Zürcher ist Steinbildhauerin und lebt und arbeitet in einem schmucken Bauernhaus im Dorf Schüpbach. Seit sie 12 Jahre alt ist, hat das Steinbildhauen es ihr angetan. Heute stellt die 39-Jährige vor allem Grabmale und Skulpturen her, immer in enger Zusammenarbeit mit den Kunden. Nur so kann sie unvergängliche Kunstwerke aus dem Stein meisseln, die Kopf und Herz der Betrachter noch lange erfreuen.

Lilian H. Zürcher bei der Fertigstellung eines Grabmals aus weissem Marmor.
Lilian H. Zürcher bei der Fertigstellung eines Grabmals aus weissem Marmor.

«Im Alter von 12 Jahren sah ich ein Foto eines Steinbildhauers bei der Arbeit an einer Skulptur. Von da an wollte ich unbedingt Steinbildhauerin werden», erinnert sich Lilian H. Zürcher. In der Familie gab es diesbezüglich keine Vorbilder. Zielbewusst machte sich das Mädchen an die Erfüllung ihres Berufswunsches und organisierte sich eine einwöchige Schnupperlehre. Bald folgte die vier Jahre dauernde Steinbildhauerlehre, die sie in verschiedenen Betrieben absolvierte. «Aus heutiger Sicht ist das ein Vorteil, denn so konnte ich das Handwerk von verschiedenen Lehrmeistern und aus unterschiedlichen Blickwinkeln kennenlernen», findet sie. Bereits mit 21 Jahren machte sich die Steinbildhauerin selbstständig, da sie schon während der Lehre festgestellt hatte, dass das blosse Ausführen einer Idee ihr nicht genügt. «Das Eingehen auf die Auftraggeber, das gemeinsame Finden einer Gestaltungsidee, ist für mich ein wesentlicher Teil des Berufs», erklärt sie.

Gespräch als erster Schritt für gelungene Werke

Wie läuft denn die Erstellung eines Grabmales oder einer Skulptur üblicherweise ab? Wenn die Steinbildhauerin eine Anfrage erhält, lädt sie die Interessenten möglichst in ihr Atelier ein. So können die potenzielle Kunden sehen, wo und wie ihre Werke entstehen, man lernt sich kennen und Lilian H. Zürcher erfährt, welche Dinge im Leben einer verstorbenen Person wichtig waren oder einem Kunden am Herzen liegen. Nach diesem ersten Treffen kreiert die Steinbildhauerin ein bis drei Vorschläge und realisiert diese als Gipsmodell oder als Tonskizze. Diesen Entwurf gibt sie den Auftraggebern mit nach Hause, damit diese sich in Ruhe besprechen können und sich nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Fingern ein Bild des künftigen Werks machen können. «Wenn ich allerdings einen absoluten Favoriten für eine Skulptur oder ein Grabmal habe, stelle ich zuerst meist nur diese Variante vor», erklärt Zürcher und schmunzelt. Diese angenehme Art der Zusammenarbeit und Ideenfindung – und natürlich die Ausführung der Ideen – scheinen sich herumgesprochen zu haben und sorgen dafür, dass die Steinbildhauerin seit 11 Jahren nie gross Werbung für ihr Unternehmen machen musste.

Stein ist nicht gleich Stein

Zum Zeitpunkt des Atelierbesuchs arbeitet Lilian H. Zürcher gerade an einem Grabmal aus weissem Marmor. Die präzis gesetzten Schläge mit dem Holzklüpfel und der entspannte, gleichzeitig konzentrierte Blick der Künstlerin zeigen, dass sie schon nach wenigen Sekunden ganz in ihrem Tun aufgeht. Welche Art von Steinen benutzt sie denn für ihre Werke? «Meistens wählt der Kunde den Stein anhand meiner Steinmuster aus», erklärt Zürcher. Sie bearbeitet sowohl Weichgestein wie Sandstein, Kalkstein und Marmor, aber auch Hartgestein wie Granit oder Gneis. Wenn es die Auftragslage erlaubt, wechselt sie gern zwischen den verschiedenen Steinsorten ab. Einen eigentlichen Lieblingsstein hat sie nicht. Doch kürzlich arbeitete sie erstmals mit dem roten Elsässer Sandstein, den sie sehr schätzt. «Er ist unglaublich weich und fein zum Hauen und gleichzeitig sehr witterungsbeständig. Ich kann mir nun gut vorstellen, wie das filigrane und schmuckreiche Strassburger Münster entstanden ist», sagt sie.

Anderen die Welt des Steinbildhauens eröffnen

Einmal im Jahr bietet Lilian H. Zürcher einen einwöchigen Bildhauer-Workshop an. Dort können Interessierte ihr eigenes Kunstwerk aus dem Stein erschaffen. Für die Kunsthandwerkerin ist diese Woche immer ein Höhepunkt, denn für einmal muss sie vor allem anleiten und andere bei der Realisierung einer Idee unterstützen. «Und im Gegensatz zu meinem sonstigen Berufsalltag kommuniziere ich sehr viel, das ist anfangs immer etwas ungewohnt. Aber ich mag Leute und diese Begegnungen sehr», ergänzt sie fröhlich. Spannend findet Lilian H. Zürcher jeweils, dass die Arbeitsweise ihrer Schülerinnen und Schüler stark von ihrer Ausbildung und dem Lebensalltag beeinflusst ist. «So geht eine Jogalehrerin in der Regel lockerer mit dem Stein um und lässt sich vom Entstehenden überraschen, während zum Beispiel ein Wissenschaftler schon im Voraus ein sehr genaues Bild seines Werks im Kopf hat.» Übrigens, wer nun gerne selbst zu Klüpfel und Bildhauereisen greifen oder bei der Entstehung solcher Werke zuschauen möchte, dem bietet sich beim nächsten Workshop vom 10. – 14. Juli 2017 eine ausgezeichnete Gelegenheit.

www.lhzstein.ch

Text und Fotos: Christian Bärtschi

Werkzeuge der Steinbildhauerin: Diverse Holzklüpfel und Bildhauereisen.
Werkzeuge der Steinbildhauerin: Diverse Holzklüpfel und Bildhauereisen.

Eine ruhige Hand ist beim Steinbildhauen Pflicht.
Eine ruhige Hand ist beim Steinbildhauen Pflicht.

Oft entsteht ein Werk zuerst in Form eines Gips- oder Tonmodells.
Oft entsteht ein Werk zuerst in Form eines Gips- oder Tonmodells.

Gipsmodelle für Grabmale.
Gipsmodelle für Grabmale.

In diesem Haus in Schüpbach lebt und arbeitet die Steinbildhauerin Lilian H. Zürcher.
In diesem Haus in Schüpbach lebt und arbeitet die Steinbildhauerin Lilian H. Zürcher.

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