Kurze Tage – lange Nächte – reges Vereinsleben

Es ist ungewohnt, dass wir im Oberemmental tagelang im Nebel hocken. Aber momentan will das graue Feucht der Sonne einfach nicht weichen – es scheint, als werde es gar nie richtig Tag. Diese stille, düstere Zeit ist aber nicht nur negativ. Alle, die in einem Verein mitmachen – und das dürften die allermeisten Emmentaler sein, haben jetzt so richtig Zeit, um sich dem Vereinsleben zu widmen.

Man kann eine x-beliebige Internetseite einer Emmentaler Gemeinde aufrufen und sich dort an der Fülle der angegebenen Vereine ergötzen. Alles, aber auch wirklich alles scheint im Emmental irgendwo und irgendwie in einem Verein vereint zu sein. Von A bis Z: Automoto-Club, Badmintonverein, Chlyni Bühni, Damenturnverein, Frauenverein, Männerchor, Verkehrsverein, Warmwasserakrobaten, Ziergeflügelzüchter. Und es erstaunt nicht, wenn die Amtsanzeiger im Winter mit Inseraten gefüllt sind, die auf diese und jene Veranstaltung hinweisen.

Ganz gross im Kurs sind jetzt die Lottoabende, meist von Schützen-und Turnvereinen organisiert, um etwas Geld in die Kasse zu holen. Dann folgen Ramsen – eine Art Jasswettkampf, wo um Würste gespielt wird - und das Saujassen. Solche Anlässe locken seit Jahrzehnten Völkerscharen in die grossen Säle oder Gaststuben der Restaurants. Kaum ist dieser Boom abgeklungen locken die Heimat-und Jodelabende. Ich habe selber während einiger Zeit einen Chor dirigiert und weiss, welch Aufwand betrieben wird, um am Ende einen gelungenen Folkloreabend samt Theateraufführung über die Bühne zu bringen. Chor-und Theaterproben füllen unzählige dunkle Winternächte – und das Schöne dabei: Man kriegt nie genug. Unzählige freiwillige Stunden werden geopfert, um am Ende ein sehenswertes Resultat zu präsentieren. Oft trifft man in solchen Vereinen Menschen an, die sonst kaum je aus ihren abgelegenen Häusern herauskommen. Der Verein, in dem sie mitwirken ist – nebst der Familie – ihr einziger Ort, wo soziale Kontakte gepflegt werden können. Generationenprobleme sind kein Thema im Verein. Zwanzigjährige Mädchen spielen auf derselben Theaterbühne wie achtzigjährige Grossväter. Das anschliessende Beisammensein beim Schlummertrunk tut das seine, damit jeder Vereinsabend zum Erlebnis wird.

Historisch gesehen werden die ersten Vereine im 15. Jahrhundert erwähnt. Ab dem 18.Jahrhudert nahm die Zahl der Vereine zu – sie waren damals vor allem im kulturellen Bereich angesiedelt, zum Beispiel als sogenannte „Lesezirkel“. Mit der Industriealisierung wuchs die Zahl der Vereine massiv an. Man darf behaupten, dass das Emmental eine regelrechte Vereinshochburg ist. Oft haben die Vereine auch einen gemeinnützigen Hintergrund. Und jedem sei empfohlen, diesen Winter mindestens einmal einen Vereinsanlass zu besuchen, denn sie zeigen, obwohl mit Theatermaske auf der Bühne stehend – ungeschminkte, echte und authentische Emmentalerinnen und Emmentaler.

Übrigens: Fast noch ausgiebiger zelebrieren Auslandschweizer ihre Vereinskultur. Bei einem Besuch eines Schweizer Abends in New Berne, Indiana, wurde mir die ganze Fülle an altheimatlichen Traditionen und Klängen vor Augen geführt.

Text: Verena Zürcher, Bilder: Verena Zürcher, Lebenslust Emmental http://www.landverlag.ch/

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