Mythos, Kraft und Lindenbaum

„Vom Leben mit einem Mythos“ steht im Untertitel vom Film „Herz im Emmental“. Und auf dem dazugehörenden Buch von Bernhard Giger und Bänz Friedli liest man folgende Zeilen: „Das Emmental: Projektionsfläche, Wunschheimat, vermeintliches Idyll. Eine Urschweiz, besungen und verklärt in Büchern, Liedern, Filmen. Ein Bild vom Emmental haben selbst diejenigen, die nie dort waren. Aber ist das Emmental mehr als ein Gerücht?“
Die beiden Autoren bedienen sich philosophische Worte, wenn sie über das Emmental schreiben. Und immer wieder taucht da etwas auf in all den Schriften und Liedern und Beschreibungen übers Emmental: Mystik. Unerklärliches also, Verborgenes. Unerklärbare und zuweilen unheimliche Kräfte.

 

Und da sind wir schon bei einem anderen Buch, eines, das schon ein paar Jahre auf dem Markt und doch immer wieder lesenswert ist: „Magisches Bernbiet“ von Pier Hänni. Er hat sich aufgemacht und Kraftorte gesucht – und ist vor allem auch im Emmental fündig geworden. Besonders hervorheben möchte ich an dieser Stelle die Aspiegg zwischen Lützelflüh und Bigeln. Genau genommen ist dieser Ort der Nabel des Emmentals. Nirgends sonst vereinen sich die vier Amtsbezirke des Emmentals, Burgdorf, Konolfingen, Trachselwald und Signau auf einer Grenzlinie. Und natürlich steht hier oben eine Linde. Die alte wurde 1985 gefällt, da Wind und Blitzschläge ihr stark zugesetzt hatten. Jetzt gedeiht ein neuer Baum an diesem wahrlich magischen Ort.

Egal ob im Sommer oder im Winter, ob am Morgen oder am Abend, hier oben ist es immer stimmungsvoll, klärend und reinigend. Das stellt auch der Grossvater auf seinem Sonntagsspaziergang fest, als er uns begegnet und uns darauf hinweist, die Jacke zu schliessen, weil es da oben deshalb so schön sei, weil immer ein Wind gehe. In der Tat ist es so, dass einem „dr Luft“ den Kopf reinigt. Im Gästebuch, das unter der Linde liegt, ist dokumentiert, wie frequentiert dieser Ort ist. Es scheint so, als ob hier wirklich viele Menschen neue Kraft und neue Impulse suchen. Warum aber ist dies ein Kraftort? Dass dort oben seit Jahrhunderten Linden stehen, ist ein Grund, warum sich Menschen auch heute noch wohl fühlen, denn Linden sind seit Urzeiten Schutz-, Versammlungs-und Gerichtsbäume. “Unabhängig vom Lindenbaum ist die Aspiegg an sich ein starker Kraftort. Zum einen wirken die für solche Gräte typischen Bioenergien, zum anderen Kräfte, die mit der wohl weit in der Geschichte zurückreichenden Traditionen des Hügelchens zusammenhängen. Es ist, als würden die guten Gedanken und Gefühle der unzähligen Besucher noch immer nachhallen“, schreibt Pier Hänni.

Der Bildhauer Urs P. Twellmann hat aus dem alten Lindenstamm eine Skulptur geschaffen, die all dies bildhaft dokumentiert. Das Werk steht wenige Meter unter der jungen Aspilinde am Waldrand. Ein Besuch lohnt sich!

Übrigens: Filmemacher Bernhard Gigers Feststellung, dass das Emmental oft beschriebene Projektionsfläche ist, stimmt sehr wohl. Unzählige Dichter und Denker entstammen dem Emmental und rücken ihre Heimat immer wieder ins Zentrum ihrer Erzählungen. Mehr dazu beim nächsten Mal.

Text und Bilder: Verena Zürcher
http://www.landverlag.ch

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