Neue Chance für alten Flachs

Der Herbst war und ist im Emmental punkto Brauchtum vielseitig. Vor allem Menschen, die sich fürs Landleben und das bäuerliche Umfeld interessieren, kommen in dieser Jahreszeit voll auf ihre Kosten. Märkte, Alpabfahren und Viehschauen wurden an dieser Stelle schon thematisiert. Nicht zu vergessen ist die grosse Dahlienschau in Waldhaus bei Lützelflüh, wo neue Züchtungen und auch alte, rare Sorten der Prachtsblume bewundert und gekauft werden können.

Vor allem früher gehörten auch „Heueten“ und „Sichleten“ und andere Formen von Erntedankfesten zur Tagesordnung. Bis in die heutige Zeit retten konnte sich ein ganz besonderer Anlass, die „Brächete“ in Zäziwil: riffeln, rösten, vorbrechen, brechen, hecheln, spinnen, spulen, weben. Das sind die Arbeitsschritte, die es benötigt, um aus Flachs Leinenstoffe herzustellen. Wie zu Gotthelfs Zeiten bieten die Landfrauen an diesem speziellen Tag einen tiefen Einblick in das alte Handwerk. Die nächste „Brächete“ findet am kommenden Mittwoch, den 28. September statt.

Bis vor gut hundert Jahren war die Leinenverarbeitung im Emmental ein wichtiger Wirtschaftszweig. Etliche Webereien und Spinnereien boten der Bevölkerung Arbeitsplätze, viele Frauen arbeiteten sogar daheim an ihrem eigenen Webstuhl. Flachs, die robuste Nutzpflanze mit den strapazierfähigen Fasern, kennt man schon seit vielen tausend Jahren. Schon im alten Ägypten beherrschte man die Technik, um aus Flachsfasern Stoffe zu weben. Der Beweis dafür liefern die Mumien, welche allesamt in Leinen eingewickelt wurden. Bis ins 20. Jahrhundert erblühte im Emmental manch ein Flachsfeld. Mit dem Siegeszug der Baumwolle änderte sich das schlagartig und die Naturfaser verschwand fast ganz aus der hiesigen Landwirtschaft.

Die vor gut einem Jahr gegründete IG Niutex (Intressengemeinschaft zur Naturfaser Nutzung in der Schweiz) möchte diesen Zustand ändern und gerade im Emmental wieder vermehrt Flachs und andere Naturfasern wie Hanf anpflanzen. Hans Haslebacher aus Sumiswald, Mitinitiant der IG, erklärt, dass im August der erste hiesige Flachs geerntet worden sei und man nun vor der Herausforderung stehe, den Faseraufschluss industriell zu bewältigen. Es seien aber gute Gespräche und Kontakte entstanden, sagt Haslebacher, der zuversichtlich ist, dass sich das Projekt zu einem guten Ende führen lassen wird. Es brauche aber einfach viel Zeit und Geld, um dies alles zu schaffen. Sollte sich die industrielle Verarbeitung jemals lohnen, müssten mindestens 5000 Tonnen, respektive 10 000 Hektaren Flachs zur Verfügung stehen.

Mit weniger Rohstoff kommen die vier Künstlerinnen zu Gange, die gegenwärtig in der Kulturmühle Lützelflüh ihre kunsthandwerklichen Objekte ausstellen. Weberin Marianne Jörg aus Langnau hat ausschliesslich mit Flachs gearbeitet, die Papierschöpferin Kathrin Dardel aus Trub und die Filzerin Violette Amendola aus Sumiswald haben grosse Teile ihrer Arbeiten mit Flachsfasern bereichert. Zur Vierergruppe, die momentan sehr erfolgreich und mit grossem Publikumsstrom ausstellt, gehört auch die Keramikerin Erika Fankhauser Schürch aus Wynigen.

Übrigens: An der Brächete können auch andere alte Handwerke wie das Dreschen, Schindeln machen oder Pferde beschlagen bewundert werden.

Text: Verena Zürcher, Autorin und Verlegerin, Bilder: zvg/Gemeinde Zäziwil/Lebenslust Emmental
http://www.landverlag.ch/

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