Spycherführung für Klein und Gross

Bei angenehmem Wetter begrüsste uns Simon Röthlisberger, Holzfachmann und Speicherforscher aus Biembach zur Speichertour. Zusammen mit seinem Sohn Elias erläuterte er uns an drei Speichern rund ums Dorf Lauperswil die verschiedenen Bauarten.

Speicher oder „Spycher“, abgeleitet vom lateinischen Spicarium (Spica=Ähre), wurde er in den Anfängen vor allem als Vorratsraum für gedroschenes Korn als Nahrung oder zur Wiederaussaat benutzt.

Der Spycher gehört in der Regel zu einer Häusergruppe mit Haupthaus (Bauernhaus mit Wohn- und Oekonomieteil), Stöckli (Alterssitz) und Spycher. Im Gegensatz zum Stöckli, welches die Fassade vom Bauernhaus abgekehrt hat (so kann die Schwiegermutter nicht ständig verfolgen, was das Sühniswib (Schwiegertochter) macht)), ist der Spycher dem Bauernhaus zugewandt und kann vom Wohnteil des Haupthauses aus beobachtet werden. Im Spycher wurden vor allem Vorräte, aber auch Wertsachen und Dokumente aufbewahrt, welche wegen der Brandgefahr (offene Feuerstelle / Kochstelle in der Küche) im Spycher gelagert wurden. So hörte man bei einem Hofbrand nicht selten den Ausruf „rettet den Spycher“, nachdem Menschen und Tiere in Sicherheit waren. Der Spycher war für die Existenzsicherung von grösster Wichtigkeit.

 
 

Im Emmental finden wir drei Bauarbeiten von Spychern:
- Blockbau: Konstruktion aus waagrechten Hölzern, welche sich an den Gebäudeecken überblatten.
- Hälblingsblockbau: Die Stämme wurden halbiert und so verarbeitet
- Kantholzblockbau: Die Stämme wurden zugeschnitten oder gebeilt (Gwätt)

Als Bauholz dienten die einheimischen Baumarten Fichte und Tanne. Im Sockelgeschoss wurden Korn und Fleisch und andere haltbar gemachte Lebensmittel aufbewahrt. Der erste Stock wurde vor allem für Uniformen, Trachten, Schriften und Wertsachen benutzt und das Obergeschoss war das sog. „Grümpelgeschoss“. Ab  ca. 1770 fing man auch an, bereits bestehende Spycher zu unterkellern.

Reiche Verzierungen zeigten den Reichtum der Familie. Segenssprüche oder selten auch Hinweise auf den Erbauer oder Besitzer zieren die Fassade. Häufig  waren die Spycher auch mit Lauben oder mit einer Verschalung versehen, hinter welcher der eigentliche Spychereingang verborgen war. Elias erklärte uns auch sehr kompetent, wie ein Spycherschloss funktioniert.
Mit einem „Tschuepplade“ konnten die Bretter der Bodenlage gespannt werden, welche sich durch Temperaturschwankungen und Alter mehr oder weniger bewegten. Dieses Brett in konischer Form wurde von aussen zwischen die Bodenladen getrieben und so die Spalten wieder zusammengedrückt. Von diesem Brett kommt der Ausdruck „der Tschuepp isch us“, d. h. etwas ist beendet oder entschieden.
Eine weitere Eigenheit, welche bis heute geblieben ist: Der Spycherschlüssel ist in der Obhut der Bäuerin, sie schaltet und waltet und bestimmt, wer den Spycher betritt.

Nach der informativen Führung begleiteten uns Simon und Elias auf den Hof Wyttenbach, wo Familie Kipfer mit einem feinen Imbiss mit belegten Brötli und Getränken auf uns warteten.

Simon Röthlisberger hat aber auch sonst noch viel zu erzählen. Er wohnt mit seiner Familie im Egggraben im Biembach. Hier soll auch das „Ärdbeerimareili“ aus Gotthelfs Novelle daheim gewesen sein.

www.egggraben.ch

25. Juli 2016 Therese Sommer

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