Unter Tage für höchste Qualität – Sandsteinabbau in Krauchthal

Der Sandstein prägt die Stadt Bern und ihre Umgebung. Grossbauten wie das Berner Münster erforderten früher eine gewaltige Menge an Sandstein. Bereits seit 1350 wird auch in Krauchthal Sandstein abgebaut. Früher im Aussenbereich des Steinbruchs an der Thorbergstrasse, heute unterirdisch. Wer zum besten Sandstein vorstossen will, der muss nach unten, in einen der circa 200 Meter tiefen Stollen. Und so schreiten wir in die Tiefe, wo das 25 Millionen Jahre alte Ablagerungsgestein gewonnen wird. Begleitet werden wir von Carlo Bernasconi, Geschäftsführer der Carlo Bernasconi AG und von Toni Wittwer, einem erfahrenen Steinbrecher.

Die aktuelle Abbaustelle im Sandsteinbruch Krauchthal.
Die aktuelle Abbaustelle im Sandsteinbruch Krauchthal.

«Wir haben hier sieben Stollen und bauen gelben und blauen Sandstein ab. Pro Jahr sind es 70 bis 120 Kubikmeter», informiert Carlo Bernasconi. In einem zweiten Steinbruch in Ostermundigen, der auch zum Unternehmen gehört, werden jährlich an die 1000 Kubikmeter abgebaut. Das Familienunternehmen Bernasconi mit Sitz in Bern hat schon in der 4. Generation mit Natursteinen aller Art zu tun: Es produziert beispielsweise Küchenabdeckungen, Edelsplitt und Bodenbeläge. Auch erstellen die Steinprofis Fassaden und leisten Steinhauerarbeiten, zu welchen auch der Sandsteinabbau sowie die Weiterverarbeitung des Gesteins zählen. Im Winter wird in Krauchthal gearbeitet, da der dortige Untertagebau auch das Arbeiten bei klirrend-kalten Temperaturen zulässt. Im Sommer «zügeln» die Mitarbeiter und die schweren Geräte nach Ostermundigen, um dort den legendären Berner Sandstein abzubauen. Wobei abbauen nicht das Wort der Profis ist; die «schrämmen» nämlich.

«Grosi» im Einsatz

«Das ist unser Grosi». Mit diesen Worten präsentiert Toni Wittwer, der seit 13 Jahren als Steinbrecher in den Steinbrüchen Ostermundigen und Krauchthal arbeitet, eine altgediente Schrämmmaschine. Die Maschine funktioniert wie eine übergrosse Motorsäge und ist auf eine r Schiene montiert, damit sie leichter umpositioniert werden kann. Sie besitzt ein rund zwei Meter langes Schwert; die Schmalseite ist gespickt mit Hartmetallzähnen und lässt vertikale und horizontale Schnitte im Sandstein zu. Weiter unten, an der aktuellen Abbaustelle, stehen die zwei grossen Schwestern des «Grosis». Je 2,5 Tonnen bringen diese Schrämmmaschinen auf die Waage. Sowieso ist im Steinbruch alles schwerer und grösser als gewohnt. Ein Blick auf den mächtigen Gabelstapler, mit dem die herausgesägten Sandsteinblöcke aus den Stollen an die Frischluft befördert werden, genügt. «Weil hier schweres Gerät im Einsatz ist, müssen unsere Arbeiter besonders ruhig und ‹süfereli› arbeiten», erklärt Carlo Bernasconi. Lieber zweimal überlegen und nichts überstürzen, das sei das Motto. Nervöse Menschen seien hier fehl am Platz, meint der Geschäftsführer. Denn wenn hier etwas schief geht, dann kann es schnell gefährlich werden. In Ostermundigen werden Sandsteinblöcke à 2 x 1 x 1 Meter aus dem Fels gesägt, in Krauchthal sind sie kleiner, aber immer noch tonnenschwer. «Die grössten Brocken wiegen an die 7 Tonnen», sagt Steinbrecher Wittwer und kratzt sich am Bart. Da die Sandsteinblöcke per Gabelstapler über eine Rampe ans Tageslicht transportiert werden müssen, ist bei diesem Gewicht Schluss. Sicherheit geht vor. Zu beachten ist auch: Der Sandstein muss später genau in derselben Lage verbaut werden, wie er abgebaut wurde. Das heisst, der Boden, das sogenannte Lagergestein, muss unten liegen, um die Stabilität zu garantieren. Diese wichtigen Informationen werden auf jeden Sandsteinblock feinsäuberlich aufgezeichnet.

Block für Block

Wie geht der Abbau jetzt konkret vor sich? Toni Wittwer zeigt auf die aktuelle Abbaustelle. Hier wurde zuunterst ein etwa ein Meter hoher Sandsteinsockel stehen gelassen, der nun als Arbeitsplattform für die Arbeiter und Maschinen dient und guten Zugang zur Sandsteinwand bietet. Bereits hat Wittwer mit seinen Kollegen mithilfe der kleinen Schrämmmaschine die künftigen Sandsteinblöcke horizontal und vertikal vorgesägt. Die Blöcke sind somit nur noch auf der Rückseite mit dem umgebenden Gestein verbunden. Beim nächsten Arbeitsschritt kommt eine motorisierte Seilsäge zum Einsatz. Diese zeichnet sich durch ein Stahlseil aus, welches eine mit Diamanten gespickte Hartmetalllegierung enthält. Vor dem Sägen muss zuerst Platz für das Gerät geschaffen werden. Dazu wird der erste Block in der Reihe, der «Schlüssel», weggesprengt. Dann wird das Seil um den zu sägenden Block herum gelegt, Keile werden unterlegt und das Antriebsaggregat wird gestartet. Das nun rotierende diamantbesetzte Seil fräst sich durch den Sandstein und der Block wird mit dem Gabelstapler herausgezogen. So geht es weiter – Block für Block. Für den Betrieb der Seilsäge benötigt man Wasser, damit sich das Seil nicht überhitzt. Praktischerweise steht der Stollen nebenan halb unter Wasser. Benötigen die Arbeiter Wasser, pumpen sie es in den aktiven Stollen, danach wieder zurück. Im Stollen, in dem das zur Arbeit benötigte Wasser gespeichert wird, ist übrigens blauer Sandstein zu finden. Dieser bietet dieselben Eigenschaften wie der häufigere gelb-graue Stein, weist aber einen kühleren Farbton auf. Je näher sich der Sandstein an der Oberfläche befindet, desto eher oxidiert das Eisen im Stein und verleiht ihm eine gelbliche Farbe.

Steinhauer sind auch Schmiede

Auf dem Steinbruchareal befindet sich eine Schmiede, die regelmässig genutzt wird. Eigentlich erstaunlich, denn die säuberlich geordneten Metallwerkzeuge sehen zum Teil fast museumsreif aus – und doch werden sie bis heute eingesetzt. Im Raum gibt es unter anderem Spitzeisen für grobe Arbeiten, Zahneisen fürs Filigrane und Schlageisen, um die Steinfläche zu bearbeiten. All diese Werkzeuge müssen regelmässig nachgeschmiedet werden, damit sie wieder scharf und einsatzfähig sind. «Es hat sich herausgestellt, dass mit geschmiedeten Werkzeugen effektiver gearbeitet werden kann und sie sich besser halten als solche aus modernen Hartmetallen», erklärt Carlo Bernasconi. Das Schmieden gehört deshalb auch zum Alltag der Steinhauer in Krauchthal.

Langlebiger Baustoff mit wertvollen Eigenschaften

Der Absatz von Sandstein hat sich in den letzten Jahren rückläufig entwickelt, da er hauptsächlich für das Renovieren älterer Gebäude benutzt wird. Eigentlich schade, findet Carlo Bernasconi, denn punkto Langlebigkeit schlägt das Material viele heutige Baustoffe um Längen. «Sandstein kann ohne Probleme 100 Jahre und mehr überstehen, wenn er gegen die Witterung geschützt wird. Und man sieht und spürt ja zum Beispiel in alten Schulhäusern, dass diese Steinmassivbauten gut altern und zudem ein angenehmes Raumklima bieten», sagt Bernasconi. Dass das nachhaltige Bauen vermehrt an Beachtung gewinnt, beobachtet er deshalb mit Freude. Es ist gut möglich, dass auch der Sandstein wieder an Bedeutung gewinnen wird. Da er ein Naturprodukt ist, sei auch die biologische Abbaubarkeit kein Problem, ganz im Gegensatz zum modernen Bauwesen mit zum Teil schwer abbaubaren Stoffen wie Styropor, ergänzt Bernasconi. Man darf also gespannt sein, wie der Sandsteinabsatz sich in den nächsten Jahren entwickeln wird. Doch eins ist sicher: Der Abbau dieses Gesteins, vor allem wenn er unter Tage wie in Krauchthal geschieht, ist faszinierend!

http://www.carloag.ch

Weitere Infos über Sandstein:

Museum Krauchthal, Thema Sandstein

Sandsteinpfad Krauchthal

Text und Fotos: Christian Bärtschi

Früher wurde auf dem Areal auch draussen Sandstein abgebaut.
Früher wurde auf dem Areal auch draussen Sandstein abgebaut.

Der Eingang in die unterirdischen Stollen.
Der Eingang in die unterirdischen Stollen.

Ein Stollen mit blauem Sandstein.
Ein Stollen mit blauem Sandstein.

Carlo Bernasconi, Geschäftsführer Carlo Bernasconi AG und Toni Wittwer, Steinbrecher.
Carlo Bernasconi, Geschäftsführer Carlo Bernasconi AG und Toni Wittwer, Steinbrecher.

Das Stahlseil der Seilsäge ist mit einer diamantbestückten Hartmetalllegierung versehen.
Das Stahlseil der Seilsäge ist mit einer diamantbestückten Hartmetalllegierung versehen.

Schrämmmaschine mit Schwert.
Schrämmmaschine mit Schwert.

Geissfüsse und Zahneisen, zwei Werkzeuge der Steinhauer.
Geissfüsse und Zahneisen, zwei Werkzeuge der Steinhauer.

comments powered by Disqus