Von Natur-und Geistheilern, von Kräutern und Kräften

Schon manch einer hat versucht, in Dokumentarfilmen oder Schriften den Geheimnissen der im Emmental zahlreich vertretenen Heiler, Handauflegern, Wasserguckern, Kräuterdoktoren und Wünschelrutengänger auf den Grund zu kommen. Aber so richtig gelingen will das nicht. Und das ist wiederum kein Wunder! Denn die Seher und Heiler geben sich in der Regel recht zugeknöpft wenn es darum geht, dass sie ihre Kräfte beschreiben sollen. Das war schon immer so. Noch heute wird gerne gerätselt und spekuliert, was genau der „Schärer Micheli“ denn eigentlich im Urin seiner Patienten gesehen habe, dass er stets die richtige Medizin aus seiner Apotheke hervorzaubern konnte. Dass er etwas sah, belegt die Legende, dass er einst von einem Bauern heimgesucht wurde, der nicht den eigenen Urin sondern jener seiner Stute mit in die Sprechstunde gebracht habe. Micheli habe nicht lange gezögert und dem Bauern einen Sack Hafer verschrieben.

Ob die Geschichte wahr ist, sei dahingestellt. Sicher ist, dass Micheli Schüppach (1707 bis 1781) aus Langnau sich der Kundschaft kaum erwehren konnte. Selbst Goethe soll sich anno 1779 beim Emmentaler Wunderdoktor Hilfe geholt haben. In der Zeit Schüppachs galt Langnau als richtiggehender Wallfahrtsort für Kranke – und für Neugierige. Im Regionalmuseum ist ihm denn auch ein ganzer Raum gewidmet.

Heute ist es vor allem Walter Widmer, dem Ähnliches passiert. Der Heiler aus der Region Rüegsau, der in einem anmächeligen Bauernhaus lebt und arbeitet, ist weit über die Schweizer Grenzen hinaus bekannt und beliebt. Der Dokumentarfilm über ihn war einer der meistgesehenen Filme dieses Genres – das allein spricht für die Tatsache, dass Wunderheiler ein spannendes Thema sind, dem man gerne etwas näher kommen möchte. In Gesprächen mit Heilern vernimmt man meist nicht viel, ausser, dass sie eine Begabung mit auf den Weg bekommen hätten, dass sie über Energie und Kräfte verfügten, um den aus dem Lot geratenen Geist wieder herstellen könnten. Über den Vorgang selber mögen sie nicht reden, sagen, die Patienten seien Dokumentation genug. Dies gilt vor allem bei den Handauflegern.

Ein klein wenig durchsichtiger ist die Arbeit von Naturheilern. Ihr immenses Wissen über Heilkräuter ist nachvollziehbar, fassbar. Und doch, der legendäre „Mühli Otti“ aus der Region Huttwil berief sich zwar auf alte Rezepturen des Ueli Zürcher, einem bekannten Kräuterdoktor aus dem 19. Jahrhundert. Dennoch, Otto Mühles Erkenntnisse, warum er wann welches Mittel verschrieb, blieben öfters im Dunklen. Mitte der neunziger Jahre wagte sich der aus dem Emmental stammende Filmer Jürg Neuenschwander an den Film „Kräuter und Kräfte“, der schon damals riesengrosses Echo auslöste. Aber wie bei all den Spuk-und Geistergeschichten, die man sich im Emmental als wahre Begebenheiten erzählt, bleibt auch bei den Heilern mindestens eine Komponente übrig, die auch der beste Filmer nicht erörtern kann.

Übrigens: „Heilen“ hat im Emmental noch eine ganz andere Tradition, denn die Region war einst Hochburg von unzähligen Heilbädern. Die meisten von ihnen sind heute Gastbetriebe.

Text: Verena Zürcher, Bilder: Regionalmuseum Langnau/Film "Kräuter und Kräfte"
http://www.landverlag.ch/

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