Wassernot im Emmental

Letzte Nacht sass ich lange draussen auf der gedeckten Laube meines fast 300-jährigen Taglöhnerhäuschens. Als Jeremias Gotthelf die „Wassernot im Emmental“ beschrieb, war es also schon fast 100 Jahre alt.

Es schüttet wie aus Kübeln. Mitternacht ist vorbei. Es dünkt mich, als töne das Rauschen der anschwellenden Ilfis, die unter uns im Tal fliesst, immer wie lauter. Was mögen meine Vorvorbewohner zur Mitte des 19. Jahrhunderts gedacht haben, als sie auf eben diesem Holzläubchen standen und hinunter in die Ebene blickten, wo die noch wilde Ilfis durch den breiten Talgrund mäanderte?

 

 
Drinnen in der rauchigen Küche mottete vielleicht ein Feuerlein, wegen des nassen Holzes zu schwach, um richtig zu brennen, richtig Wärme abzugeben. Unten im dunklen Stall hornte eine hungrige Kuh, meckerte eine Ziege. Sie hatten seit Tagen nichts mehr zu fressen. Vielleicht ein paar Tannäste, ein paar Büschel vermodertes Stroh. Und die Menschen? Ja, als die „Wassernot im Emmental“ wütete, litten auch sie Hunger, wurden von Seuchen dahingerafft. Fast dünkt es mich, mein Unbehagen letzte Nacht sei nicht mehr als ein Luxusproblem. Ich habe genügend trockenes Holz, genügend gutes Heu für meine Tiere. Und zu essen gibt es auch genug – selbst wenn das eigene Gemüse im Garten rückwärts wächst.

Grosse Wasser im Emmental, das gab es immer wieder! So beispielsweise auch vor genau 60 Jahren. Mein Elternhaus samt Tieren wurde im Juni 1953 von einer Erdlawine vollständig zerstört. Auch da habe es wochenlang geregnet, erzählten die Eltern.

Ja, und eben erhielt ich eine Mail vom Verwaltungskreisführungsorgan, dem ich angehöre. Der Chef teilt mit, dass die Hochwasserlage im Emmental angespannt sei und wir auf Empfang bleiben müssten.

Möge uns eine erneute Wassernot erspart bleiben!

Übrigens: Der immer wieder faszinierende Text von Gotthelf zur Wassernot lässt sich hier zu grossen Teilen nachlesen.

Text und Bilder. Verena Zürcher

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